7. Wie lange dauert
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts finden sichBelege für den Versuch, den Ablauf derWartezeit im Advent sichtbar zu machen.Dazu dienten Zählhilfen wie Kerbstöcke,Kreidestriche, das Vorrücken von Uhrzeigernund vieles mehr, hinter denen nicht nur dieAbsicht stand, das Warten auf das Christkindfür Kinder angenehmer zu gestalten, sondernauch, ihnen Beherrschung und Geduld bei-zubringen, indem ihnen vor Augen geführtwurde, wie viele Tage sie noch„, artig" seinmussten.
Eine inzwischen besonders beliebte Zähl-hilfe verbindet die weihnachtlichen Brauch-elemente Lichter und Tannengrün mit derKranzform. Der Ursprung dieses Advent-kranzes lag vermutlich im Kinderwohnheim,, Rauhes Haus" in Hamburg, wo der evan-gelische Theologe Johann Hinrich Wichern1839 im Gebetssaal eine runde Konstruktionaufhängen ließ, in der für jeden Adventtageine Kerze steckte. Ab 1851 schmückteman den Saal mit Tannengrün, ab 1860 dieKerzenhalterung selbst, die somit zum Kranzwurde. Von Norddeutschland aus wurde derneu geschaffene Brauch in einer der Familieangepassten Form mit vier Kerzen nach Sü-den verbreitet. Dies geschah zunächst imevangelischen Umfeld in Städten, dann all-gemeiner durch die Jugendbewegung, Schu-len, Kindergärten, Blumenhandlungen, dieLazarette im Ersten Weltkrieg und Winter-sportler, die den Brauch schließlich auchauf dem Land bekannt machten. Auch diekatholischen Pfarrer und Gläubigen nahmenden Adventkranz begeistert auf, und kurznach dem Zweiten Weltkrieg war er bereits
es noch?
im gesamten deutschsprachigen Raum be-kannt. Versionen mit violetten, der liturgischenFarbe des Advent entsprechenden Kerzentauchten auf, häufig auch mit einer anders-farbigen Kerze für den dritten Adventsonntag,,, Gaudete" genannt, dessen Farbe rosa ist.An diesem Tag wird die Fastenzeit quasiaufgehellt durch das stärkere Gedenkenihres Zieles, ausgedrückt im Anfangswortder lutherischen und katholischen Liturgie:,, Gaudete"( Freuet euch). Heute ist das Auf-stellen von Adventkränzen ganz selbstver-ständlich geworden, auch an öffentlichenOrten wie Geschäften, Arztpraxen oderBüros zeigen sie den Verlauf der heute oftWeihnachtszeit" genannten Tage des Ad-vents an. Diese verbale Vereinfachung machtdeutlich, dass der Advent mittlerweile sosäkularisiert ist wie das Weihnachtsfestselbst. Das gilt für den Adventkranz ebensowie für den anderen hoch beliebten Zeitan-zeiger, den gedruckten Adventkalender.
1908 kam ein papierener Adventkalendermit dem Titel„, Im Lande des Christkinds"in den Handel, der vom Verlag Reichhold&Lang in München als neue Erfindung ange-priesen wurde. Die in diesem Verlag produ-zierten Exemplare waren aufgrund ihrerkünstlerischen Vielfalt und der hohen Druck-qualität tonangebend im Design und werdenbis heute aufgelegt. Ab 1920 wurden dieModelle produziert, bei denen täglich einTürchen zu öffnen ist, sowie die ersten Ka-lender mit Schokoladenbefüllung. Die Motivikder Adventkalender änderte sich über dieJahre nur wenig: Es werden Weihnachts-vorbereitungen, Christkind oder Weihnachts-
Adventschmuckverkauf an der RahlstiegeFotografie, Wien, 1955, ÖMV/ Foto: Leopold SchmidtDer Adventkranz wurde ausgehend von Hamburgrasch im gesamten deutschsprachigen Raumpopulär.
mann, winterliche Landschaften oder Städtebunt und glitzernd gezeigt. Eine Erhebungvon 1979 ergab, dass 80 Prozent aller Schul-kinder im deutschsprachigen Raum einenAdventkalender besaßen, heute dürften eswohl noch mehr sein. Der Adventkalenderwurde als Werbemittel von Hilfsorganisa-tionen und von Firmen entdeckt, die häufigdie eigene Werbelinie im Kalenderdesignweiterführen. Auch im Internet, für PC undfür Smartphones gibt es mittlerweile Ad-ventkalender zum Download. Das Boomenvon Adventkranz und Adventkalender lässtsich als Teil des Bestrebens erklären, in dasvielschichtige und komplizierte moderneLeben Strukturen und Sinnzusammenhängezu bringen. Dazu werden Bräuche herange-zogen, die von vorneherein als alt geltenund daher automatisch als gut. Adventkranzund Adventkalender zeigen, dass auch sehrjunge Bräuche diesem Schema entsprechen.
kp
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