4. Geht es auchohne Geschenke?
Das Weihnachtsfest wandelte sich seit Mittedes 19. Jahrhunderts verstärkt zu einemBescherfest. Inzwischen ist das Schenkenzum bestimmenden Element des Festesgeworden. Kinder erwarten die Erfüllungihrer Wunschzettel, Erwachsene hingegennervt häufig der erwartete gegenseitige Ga-bentausch. Der Advent bleibt selbst in wirt-schaftlich schlechten Zeiten ein Hoffnungs-träger des Handels. Prognosen werden er-stellt und der Umsatz nach Geschäftsschlussam Weihnachtsabend umgehend analysiert.Ist der Handel zufrieden, sind aber nochlange nicht alle Gabentische reich gefülltund nicht für alle wird Weihnachten ein Festder Geschenke im Überfluss.
Das weihnachtliche Schenken ist zunächstin Verbindung mit dem Jahreswechsel zusehen. Die Sitte, zu Neujahr Glückwünscheund kleine Geschenke zu tauschen, warschon im antiken Rom bekannt. Der Neu-jahrstag wurde in unserem Sprachraum durchdie Kölner Synode von 1310 mit 25. Dezemberfestgelegt und fiel dadurch mit dem Weih-nachtstag zusammen. Erst 1691 setzte PapstInnozenz XII. den 1. Jänner für alle verbindlichals ersten Tag des Jahres fest. Die Natural-abgaben an die Dienstboten in Form vonKleidung waren Teil des vereinbarten Lohnsund sind daher nicht als Weihnachtsge-schenke zu interpretieren. Der alten Traditionfolgend zeigen noch im 18. Jahrhundert die
Neujahrszettel das Jesuskind als Überbringerder Neujahrswünsche, obwohl der Jahres-beginn bereits am 1. Jänner gefeiert wurde.
Aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhun-derts gibt es schriftliche Zeugnisse von Kin-derbescherungen in den Familien. Der HI.Nikolaus und der„ Heilige Christ" brachtenden Kindern Geschenke. Was nicht selbsthergestellt wurde, konnte auf den weih-nachtlichen Märkten, je nach finanziellenMöglichkeiten erstanden werden. Durch dieAblehnung der Heiligenverehrung wurde inden meisten protestantischen Gebieten dieBescherung vom Nikolaustag auf das Weih-nachtsfest verlegt und im Laufe der Zeit be-sonders ausgestaltet. Noch haben sich dieweihnachtlichen Feierlichkeiten im öffentli-chen Raum abgespielt, doch in den bürger-lich- aristokratischen Haushalten entwickeltensich seit Beginn der Reformation schon ver-einzelt private Festformen.
Ausgehend von der städtischen Ober-schicht fand die Kultivierung des Privat- undFamilienlebens in der Biedermeierzeit mitseinen kleinfamiliären, häuslichen Festeneinen Höhepunkt. Man widmete der Kin-dererziehung mehr Aufmerksamkeit undschenkte zur Förderung der Entwicklungund als Zeichen der elterlichen Liebe Spiel-zeug. Für die Töchter entsprachen die Ge-schenke den Idealen einer fleißigen Hausfrauund sorgenden Mutter in Form von Puppen
und Miniaturküchen. Die Buben bekamenin Vorbereitung auf spätere Pflichten Soldaten,Gewehre, Steckenpferde und Baukästen. Inden Kinderzimmern wurden Wunschzettelgeschrieben und mit Spannung der Besche-rung entgegengefiebert. Der immer größereBedarf führte zum Erblühen des aufstre-benden Spielzeughandels. Zu biedermeierli-chen Klischeevorstellungen gibt dies jedochkeinen Anlass, denn die gesellschaftlichenUnterschiede bedingten, dass viele Elternihren Kindern keinen reichen Gabentisch be-scheren konnten.
Mit dem Aufkommen der industriellenFertigung und neuen Transportmöglichkeitenkonnte die große Nachfrage an Spielwarengedeckt werden. Doch anders als in denBilderbüchern für die Kinder dargestellt, wur-den die Geschenke von realen Personenproduziert und nicht in den Engel- und Wich-telwerkstätten gebastelt. In den beengtenRäumen der Spielzeugmacher der traditio-nellen Herstellungszentren wie der Viechtauin Oberösterreich, den Orten um Seiffen imErzgebirge, Sonneberg in Thüringen, demGrödnertal in Südtirol, wo in Heimarbeit dieWaren produziert wurden, mussten bereitsdie Kleinsten mithelfen. So arbeiteten vielfachKinder für die Geschenke anderer Kinder.Das Problem ist auch heute noch existent,nur wurde es in so genannte Billiglohnländerausgelagert.
nw
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