3. War Weihnachtenfrüher schöner?
Das Weihnachtsfest unterliegt seit seinerEinführung einem steten Wandel. Einge-bunden in den Festkreis des kirchlichen Jah-res, kam es im Laufe der Zeit zu Änderungender Liturgie und zur Entstehung unterschied-lichster Bräuche, aber auch diverser Klischees.Am Beginn standen kirchliche Feierlichkeitenim Vordergrund. Im Jahre 813 wurde durchdie Synode von Mainz das Weihnachtsfestim deutschen Sprachraum eingeführt. Ersteschriftliche Belege aus dem 12. Jahrhundertfür das Wort„ Weihnachten" sind in dermittelhochdeutsch verfassten Liederhand-schrift des Spruchdichters Spervogel und inder Predigtsammlung„ Speculum ecclesia"erhalten geblieben. Anfänglich stand der Be-such der nächtlichen Christmette für dieBevölkerung im Mittelpunkt der Feier. DaWeihnachten aber noch bis ins 18. Jahrhun-dert ein öffentliches Fest war, wurde dieZeit bis zur Mette durchaus nicht immer an-dächtig begangen und wohl auch die Messeselbst gestört. Auch die Wiener haben sichnoch im 18. Jahrhundert beim so genannten,, Sabbathind" die Zeit bis zur Mette mit al-lerlei kleinen Spielen verkürzt. Nach der ad-ventlichen Fastenzeit bemühte man sich,dem Anlass entsprechend besondere Speisenund Backwerk aufzutischen, so es die per-sönlichen und wirtschaftlichen Möglichkeitenin Zeiten von Missernten, Epidemien, Brenn-holzknappheit und anderen schwierigen Le-bensumständen zuließen.
Nicht nur in den Kirchen, sondern auch inden Familien war es üblich, nach der Christ-mette bei weihnachtlichen Gesängen zu fei-ern oder auch das Christkind zu wiegen.Die sozialen Strukturen bedingten, dassWeihnachten zusammen mit dem zur Groß-familie zählenden Gesinde, also den Dienst-leuten, begangen wurde. Die Reformatorenförderten diese gemeinsamen Andachtenund leiteten damit die Entwicklung zumhäuslich- familiären Weihnachtsfest ein. Inden protestantischen Gebieten ersetzte dieChristvesper am Vorabend die Mette. In derkatholischen Kirche blieb Weihnachten einvorwiegend kirchliches Fest mit nächtlichemKirchgang. In der Adventzeit ist seit demMittelalter der Besuch von Roratemessen zufrüher Morgenstunde im Schein der Kerzennachzuweisen. Benannt wurden diese Votiv-messen zu Ehren der Gottesmutter nachdem Liedvers ,, Rorate, caeli, desuper"( ,, Tauet,ihr Himmel, von oben"). Die Gebete derWeihnachtsnovene sollen an neun Tagenauf die Feier der Geburt Christi einstimmen.Um in die Kirchen zu kommen, mussten inder Dunkelheit manchmal lange Fußwegeauch bei Schnee und großer Kälte zurück-gelegt werden. Dasselbe galt auch für dienächtlichen Metten. Als in der BiedermeierzeitWeihnachten zur häuslichen Familienfeierund zum Bescherfest der Kinder wurde,war das aber zunächst kein allgemeinesPhänomen, sondern noch lange regional
und vor allem gesellschaftsspezifisch sehrunterschiedlich. Erst allmählich werden ge-schmückte Christbäume und der Geschenk-brauch übliche Bestandteile des Festes miteiner Feier im Kreise der Kernfamilie.
Weihnachten bildet im Festkreis desJahres bis heute einen besonderen Höhe-punkt. Nicht immer wird der eigentliche re-ligiöse Hintergrund des Festes, nämlich dasKind in der Krippe als Heilsbringer, noch alsAnlass der Feier gesehen. Vielfach geht esnur mehr um das Beschenken und denWeihnachtsbraten, nicht zu vergessen diearbeitsfreien Tage und die Schulferien. Mitdem Begriff Weihnachten sind für viele Men-schen bestimmte persönliche Rituale undVorstellungen verbunden. Möglicherweisewird der Advent heute als hektischer undkommerzieller empfunden. Vielleicht war esfür manche auch früher schon so, warendoch bis 1961 die Geschäfte am Silbernenund am Goldenen Sonntag, den beidenSonntagen vor dem Weihnachtsfest, ganz-tägig geöffnet. Dafür ist wohl manchessteife Zeremoniell echtem Glücksgefühl ge-wichen. Andere wiederum vermissen dasWeihnachtsfest der Kindheit, das jedochmöglicherweise durch die Erinnerung verklärtgesehen wird, so wie das Klischee von denweißen Weihnachten durch manche Chronikentkräftet wird.
nw
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