1. Kann man Weihnachtenentkommen?
Der winterliche Festtermin entfacht alljähr-lich wiederkehrende hitzige Diskussionen.Nikoläuse und Weihnachtsmänner aus zartschmelzender Schokolade liefern sich in denspätherbstlichen Regalen bereits erste Kon-kurrenzkämpfe und künden unausweichlichdie Adventzeit an. Vom Handel werden hoff-nungsvolle Prognosen für den Weihnachts-verkauf erstellt und die Listen der vor Weih-nachten zu erledigenden Arbeiten werdenimmer länger. Die weihnachtliche Dauerbe-schallung tritt in Wettstreit mit der Zeit derStille.
Weihnachten wird heute entweder ve-hement verteidigt oder aber in Frage gestellt.Der Bogen reicht von jenen, die Weihnachtenreligiös, zumindest aber festlich feiern wollenbis zu denen, die dem für sie scheinheiligenTrubel mehr oder weniger erfolgreich trotzen.Die Erwartungen, die viele in das Weih-nachtsfest legen, bleiben ohnedies oft un-erfüllt. Statt der Stille und Vorfreude sindHektik und Einkaufsstress Realität. UnerfüllteVorstellungen enden leicht im Streit untermTannenbaum und der kollektive Konsum-rausch führt zur Erschöpfung am Weih-nachtsabend. Ungeliebte Rituale aus Kind-heitstagen werden in Frage gestellt und dieSinnhaftigkeit des Festes angezweifelt. Deralljährliche Geschenkehorror und die dro-hende Kalorienfalle des Festessens lassenDepressionen aufkommen. Man beteuert,
im nächsten Jahr einfach nicht zu feiernoder besser gleich vor dem Weihnachtstrubelin ferne Länder zu entfliehen. Allerdings ver-mag man durch eine Reise in die Ferne anden Weihnachtsfeiertagen vielleicht der Ver-wandtschaft zu entkommen, aber nicht mehrder inzwischen weltweit uniformen Festde-koration und Beschallung. Weihnachten alsmultikulturelles, globales Fest ist inzwischenin Weltregionen vorgedrungen, die wederchristlich sind noch jemals waren. Migration,Fremdenverkehr und Marketingstrategienhaben Weihnachten zu einem weltweitenund kalkulierten Wirtschaftsfaktor gemacht.Die weihnachtliche Dekoration der interna-tionalen Einkaufszentren ist religionsunab-hängig bis Dubai, Bangkok und Shanghaiuniform, auch wenn der eigentliche Anlassdes Festes vielen Einheimischen unbekanntist. Selbst die Weihnachtswünsche passensich als neutrale Jahreszeitengrüße den in-ternationalen Gegebenheiten an.
Hört man sich um, so wird die Schuldan der Misere immer wieder dem Weih-nachtsmann als Symbolfigur amerikanischerKonsumkultur zugeschoben und dement-sprechend vehement das Christkind zurück-gefordert. Aber es ist der generelle Wandelunserer Gesellschaft, der den religiösen Cha-rakter des Festes unwichtiger und die Kluftzwischen dem romantisierten häuslichenFamilienfest und der heutigen Konsumwelt
immer größer werden lässt. Die sozialenund gesellschaftlichen Verhältnisse habensich geändert und damit auch das Weih-nachtsfest. So können die einen andächtigdas Friedenslicht von Bethlehem nach Hauseholen, andere aber lieber ausgelassen Partysfeiern. Während Singles und ältere Menschensich davor fürchten, an den Feiertagen ein-sam in ihrer Wohnung zu sitzen, geratenTeenager in Panik, weil sie den Weihnachts-abend noch im Kreise ihrer Familie verbringenmüssen. Der Besuch der Weihnachtsmetteist für viele christliche Familien inzwischender einzige Kirchenbesuch im Jahr geworden,dafür schmücken manche nichtchristlicheFamilien Tannenbäume für ihre Kinder, weildiese es bei ihren Schulkameraden sehen,und absolute Weihnachtsmuffel langen danndoch bei den selbstgebackenen Keksen zu.Weihnachtsbräuche werden losgelöst vonihren religiösen und lokalen Wurzeln als glo-baler, multikultureller Festinhalt akzeptiert.Weihnachten wird immer wieder mit Friedenassoziiert. Ein Fest der Toleranz und Nächs-tenliebe wäre daher möglicherweise einWeg aus der Weihnachtskrise. Dieser Ge-danke steht auch hinter der, 1986 vom ORF-Landesstudio Oberösterreich initiierten Aktiondes ORF- Friedenslichtes, welches jährlichvon einem oberösterreichischen Kind ausBethlehem nach Österreich gebracht wird.
nw
11