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Herz und Gemüt wie die Nachtigall, wenn sie imblühenden Fliederbusch an einem wonnigenMaienabend ihr schluchzendes Lied in die lauenLüfte hinausschmettert, wie der bunte Papagei,wenn er in menschlicher Sprache uns begrüßtund seine Wünsche äußert, wie der glänzendeKolibri, wenn er als ein fliegender Edelstein mitseiner schimmernden Farbenpracht unter derglühenden Sonne der Tropen unser Auge ent-zückt, wie der stolze Aar, wenn er sich auf ge-waltigem Fittich über schneebedeckte Firnen zudem blauen Äther emporschraubt. Die Schön-heit, die Anmut, die Harmlosigkeit, der bewun-dernswerte Flug und vor allem der herrlicheGesang des Vogels ist es, was uns so sehr fürihn einnimmt. Unter diesen Umständen war esnatürlich, daß sich der Mensch schon frühzeitigfür das Wohl und Wehe seiner gefiederten Lieb-linge einsetzte, daß er auf Vogelschutzgedankengeriet."
Inmitten der kaum überschaubaren Gruppeaus höheren und niederen Lebewesen, Nutz-,Haus-, Heim- und Schoẞtieren, domestiziertemund wildem Getier, Ungeziefer und Raubzeugs,Säugetieren, Amphibien, Fischen und Reptilienkommt Vögeln offenkundig ein kultureller Son-derstatus zu. Sie symbolisieren als Bewohnerder Lüfte wie kaum eine andere Tierart Freiheitund Unabhängigkeit; gleichzeitig sind sie jedochdomestizierbar und bewohnen auch den Nahbe-reich der Menschen- sei es als Jagdfalke bei deradeligen Beizjagd oder als häuslicher Gefährtebei der Stubenvogelhaltung. 10 Der französischeAnthropologe Claude Lévi- Strauss sprach ihneneine ganz besondere metaphorische Qualitätzu, die auf die Eigentümlichkeiten der mensch-lichen Gesellschaft verweise. Menschen undVögel seien sich in vielen ihrer Verhaltensweisenso ähnlich, dann aber doch so ganz anders: ,, DieVögel haben ein Federkleid, haben Flügel, legenEier und sind auch physisch von der mensch-lichen Gesellschaft getrennt durch das Element,in dem sie sich bewegen dürfen. Aufgrund des-sen bilden sie eine Gemeinschaft, die von derunsrigen unabhängig ist, uns aber gerade wegen
dieser Unabhängigkeit als eine Gesellschaft er-scheint, die der unseren ähnlich ist: Der Vogel istfreiheitsliebend; er baut sich ein Nest, in wel-chem er ein Familienleben führt und seine Jun-gen ernährt; oft unterhält er soziale Beziehungenmit den anderen Mitgliedern seiner Art; und erverständigt sich mit ihnen durch akustische Mit-tel, die an die artikulierte Sprache erinnern." 11So sind und bleiben die Vögel anders und lieferndoch den Vorstellungen, die sich Menschen übersich selbst machen, einen Spiegel. Ihr Lebenmacht all das sicht- und nachvollziehbar, wasauch im menschlichen Leben Maßstab und Wertsein soll- gut und böse, schön und häßlich, faulund fleißig.
Vögel sind die besseren Menschen
Vögel eignen sich wie kaum andere Tiere zurVermenschlichung; sie scheinen über all jenesozialen Attribute zu verfügen, die Menschengerne für sich selber wünschen- und bleibendabei doch Tiere und damit anders. Der Anblickder Vielfalt ihrer Formen und Farben läßt rät-seln über den Reichtum des Lebens, und ihreVerhaltensweisen und Fertigkeiten beflügelnunerschöpflich die Phantasie. Warum könnenNachtigallen so schön singen wie die meistenOperntenöre? Was hat es auf sich mit ihrenarchitektonischen Begabungen, mit denen siekunstvolle Nester verfertigen wie die Beutel-meise oder zünftige Höhlen zimmern wie dieSpechte? Warum kommt es eigentlich nie zuVogelflug- Massenkarambolagen, wenn im Däm-merlicht eines Vorfrühlingsnachmittags einSchwarm aus Tausenden von Staren zum abend-lichen Landeanflug an den Schlafplatz ansetzt?Welches sind die Geheimnisse des Vogelzugs,der manche Arten wie die Küstenseeschwalbezwei mal im Jahr von einem Pol der Erde zumanderen reisen läßt, um dann zielsicher dieheimischen Brutgebiete wiederzufinden?Überhaupt die Heimatliebe der Vögel! Siesind zwar Kosmopoliten, verfügen aber den-noch über Heimatsinn, darin verkörpern sie die
8 Curt Floericke: Vogelbuch. Gemeinver-ständliche Naturgeschichte der mittel-europäischen Vogelwelt, 2. Aufl., Stuttgart1922, S. 69.
9 Zu den vielfältigen Beziehungsmöglich-keiten zwischen Menschen und Tieren seitder Antike vgl. Peter Dinzelbacher( Hg.):Mensch und Tier in der Geschichte Euro-pas. Kröner, Stuttgart 2000; siehe auchPaul Münch( Hg.): Tiere und Menschen.Geschichte und Aktualität eines prekärenVerhältnisses, Paderborn, München, Wien,Zürich 1998.
10 Otto Lauffer: Singvögel als Hausgenossenim deutschen Glauben und Brauch, Berlin1939.
11 Claude Lévi- Strauss: Das wilde Denken,Frankfurt a.M. 1973, S. 239f.