Druckschrift 
Papageno backstage : Perspektiven auf Vögel und Menschen ; [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 20. Mai bis 29. Oktober 2006]
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

5 Zitiert nach dem Artikel: Vogelleichenauf Hüten, in: Der Vortrupp, 5. Jg.( 1916),

S. 670.

6 Clifford Geertz: Deep play: Bemerkungenzum balinesischen Hahnenkampf, in:Ders.: Dichte Beschreibung. Beiträge zumVerstehen kultureller Systeme, Frankfurta.M. 1995, S. 202-260.

7 Handwörterbuch des deutschen Aber-glaubens. Bd. 8, Berlin 1937, Sp. 1673.

Mitte ein Vogelköpfchen mit schillerndem Ge-fieder hervorlugt."" 5

-

Und es gibt noch jede Menge weiterer Vari-anten, in welchen Vögel in den Sphären dermenschlichen Kultur anzutreffen sind- als zu-verlässige Lieferanten von stärkenden Eiern undwärmenden Daunen. Bei der Brieftaubenzuchtmischten sich zunächst der Status des Nutztiersund die interesselosen Freuden einer zweck-freien Beziehung zwischen Tier und Mensch. Alsnützlich erwiesen sich die Himmelsboten alle-mal, wenn sie im 19. Jahrhundert bei der Tau-benpost als Nachrichtenübermittler eingesetztwurden. Die technischen Kommunikationsmög-lichkeiten wie Telegraphie und bald das Telefonerwiesen sich über kurz oder lang als praktischerund so wurden die Brieftauben aus der militä-rischen und zivilen Nutzung in den Bereich desSports abgedrängt. Allein in Deutschland sindes heute rund 90.000 Züchter, die etwa sechsMillionen Brieftauben die Rennpferde deskleinen Mannes"- besitzen.Sportlicher und ritueller Charakter gehen beiden Hahnenkämpfen ineinander über. Die Wett-spiele, bei denen Hähne aufeinander losgelas-sen werden, sind vor allem in Südostasien undLateinamerika verbreitet und teils tief in denjeweiligen Kulturen verankert. Die Beziehungzwischen Hahn und Besitzer symbolisiert oftdessen Macht und seinen Status in der Öffent-lichkeit. Das Spiel mit Aggressivität, Ausdauerund Kraft spaltet nach wie vor Akteure und Be-obachter in weitgehend verständnislose Freundeund Feinde. Für die einen ist der Wettbewerbnichts anderes als sinnlose Quälerei hilfloserKreaturen; für die anderen ein gerade mit Sinnund vielfältigen Bedeutungen ausgestattetesRitual und Spiel, in dem der soziale Kosmos derHahnenbesitzer blutige Darstellung findet. Esist ein Spiel mit Gewalt und Enthemmung, dasauf die Grundlagen des kulturellen Selbstver-ständnisses der Menschen verweist.6

,, Die Schönheit, die Anmut,die Harmlosigkeit..."

Das

Handwörterbuch des deutschen Aber-glaubens" räumt den Vögeln eine groẞe volks-kundliche Bedeutung" ein. Vögel erscheinenvor allem als Boten des Himmels, des Glücks,nicht selten aber auch des Unheils. Vor allem diezwielichtigen Arten wie Rabenvögel, Kuckuckeoder Eulen geben Todesvorzeichen, etwa wennein Vogel ins Haus fliegt oder ans Fenster pickt.Andere hingegen bringen frohe Botschaft, ver-spricht die abergläubische Vorstellungswelt: DieAnzahl der Vögel, die man am Hochzeitstage er-blicke, bestimme die Anzahl der zu erwartendenKinder. Schwalbennester am Haus sichern dasWohlergehen der Einwohner. Dann jedoch wie-der die Zeichen des Unheils: Kommen fremdeVögel ins Land, dann folgen bald fremde Kriegerund Völker.

Natürlich, alle Tiere sind besonders, aber Vögelsind etwas ganz Besonderes. Wie kaum eineandere Tiergruppe liefern sie ein Projektions-feld menschlicher Sehnsüchte und Utopien,zuweilen auch, aber doch weitaus seltener, derAbneigungen und Antipathien. Sie aktivierendas gesamte Reservoir menschlicher Gefühlsre-gungen und Affekte- Liebe und Fürsorge meist,Bewunderung, Freude, Andacht und Staunen.Im Zeitalter der Vogelgrippe ist auch Angsthinzugekommen, die vorübergehend wiederDistanz in die zuweilen intimen Beziehungenzwischen Menschen und Vögeln bringt. Jeden-falls, der Ornithologe und Naturschriftstel-ler Curt Floericke kam schon im vergangenenJahrhundert zu einem unmiẞverständlichenFazit: Keine andere Tierklasse hat es verstan-den, sich in solchem Maße das Wohlgefallenund die Zuneigung des Menschen zu erwerben,wie diejenige der Vögel. Wohl sind Pferd undKatze körperlich schöner und vollendeter, wohlHund und Elefant klüger und gelehriger, wohlRind und Schaf für den menschlichen Haushaltnützlicher, Kamel und Rentier für gewisse Län-der unentbehrlicher als irgendeine Vogelart, unddoch wirken sie alle nicht so mächtig auf unser

13