Alpine Spielzeugtiere
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Mit ihrer Sammlung und wissenschaftlichen Bearbeitung alpiner Spielzeug-tiere behandelte Eugenie Goldstern abermals ein aktuelles Thema der Ur- Ethno-graphie. Diesen merkwürdigen Naturformen galt nämlich bereits seit einigen Jahrendie Aufmerksamkeit der Ethnographen. Angeregt durch dieses Interesse gelang esihr auf ihren mehrjährigen Sammelreisen durch die Schweiz und im Piemont eineneinzigartigen Bestand an urtümlichen Spielzeugtieren zustande zu bringen.
Sie unterscheidet dabei 3 Haupttypen: Spielzeugtiere aus Holz, aus Knochenund aus Früchten. Bei den Spielzeugtieren aus Holz lassen sich 4 Grundtypen feststellen:Aststücke mit Gabelung
Holzstücke mit seitlichen Aststummeln
Holzstücke mit eingekerbten„ Hörnern"
Einschnitt v- förmig
Einschnitt mit gerader Basis
Holzklötze mit eingesetzten Hörnern und Beinen
Je nach Art der Zurichtung handelt es sich um Kühe, Stiere oder Ziegen. ImAostatal fand Eugenie Goldstern auch Astmännchen. Zur besseren Kennzeichnungwurden die Tiere noch zusätzlich beschnitzt, um auf diese Weise verschiedene Fell-muster, Euter, Glockenbänder oder Hausmarken anzudeuten. Trächtige Kühe versahman mit einem ausgehöhlten Bauch, in den man ein kleines Kalb zum Herausnehmensteckte. Die Verzierungen zeugen nicht nur von einer starken Individualisierung derTiere, sondern auch von einer sehr persönlichen Beziehung der Kinder zu ihremSpielzeug. Die Beschäftigung mit den Tieren entsprach ganz dem realen Milieu dassie umgab und ermöglichte den Kindern eine spielerische Aneignung der Welt derGroßen. Dank der Kinderphantasie blieb auch noch manch uraltes, außer Gebrauchgekommenes Objekt erhalten, weil es- wie etwa die steinernen Talglampen- alsSpielzeug Verwendung fand.
Für die Kinder war es jedenfalls unerheblich, dass die von ihnen selbst odervon Erwachsenen hergestellten Tiere weitgehend abstrakte, bloß auf ihre charakteris-tischen Merkmale reduzierten Gebilde verkörperten. Eugenie Goldstern knüpfte dar-an freilich Assoziationen an die schematischen Rinderdarstellungen der Felszeichnun-gen in Ligurien bzw. auf altägyptischen Amuletten, bei denen- ähnlich wie bei denSpielzeugtieren- ebenfalls die Hörner stark betont werden. Mit dem Hinweis auf dieBedeutung der Hörner in Kult und Magie folgerte sie daraus, dass die schematische,die Hörner betonende Form der Spielzeugtiere nicht einem Unvermögen ihre Ent-stehung verdankten, sondern ein bewusstes Gestaltungselement darstellten.
Ur- Ethnographie