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Ur-Ethnographie : auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur ; die Sammlung Eugenie Goldstern
Entstehung
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Geistlicheund profaneSkulpturen

Die neuen Betbrüder der Gesellschaftdes hl. Antonius, Bessansfotografiert von Eugenie Goldstern

Pos.Nr. 3514

Die ausgestellten Schnitzwerke sind nicht ausschließlich mit den Kriteriender Volkskunst zu messen. Sie sind zum Teil der sogenannten Hochkunst zuzurechnen,die ihre Entstehung professionellen Künstlern verdankt. Das trifft besonders auf diesakralen Kunstwerke zu, die in erster Linie zur Ausstattung der Kirchen und Kapellendienten. Die Schnitzwerke wurden aber auch von privater Seite bei den Künstlern inAuftrag geben, um in Nischen am Haus, in den Stuben, auf den Fluren oder in Bild-stöcken aufgestellt zu werden. Diese Stücke, die in der Regel aus dem 19. Jahrhundertstammen, erreichen nicht mehr die Qualität der älteren Skulpturen. Als Zeugnisse derFrömmigkeit und der Hilfebedürftigkeit waren sie ein integraler Bestandteil desLebens. Im Hochgebirge wussten sich die Menschen vielfältigen Gefahren ausgesetztund suchten in der Kirche Schutz gegen die Unbilden der Natur und Rückhalt für Hausund Hof. Unter den heiligen Fürsprechern erfreuten sich in Bessans besonders derhl. Johannes der Täufers als Schutzpatron des Ortes und der hl. Antonius von Padua;dem die Kapelle neben der Pfarrkirche geweiht ist und zu dessen Ehren eine Bruder-schaft existierte, bevorzugter Beliebtheit. Neben den Statuen dieser Heiligen konnteEugenie Goldstern weiters eine stattliche Figur des hl. Jacobus, des Wegepatrons,und des Apostels Matthäus erwerben. In ihrer Kollektion verdient vor allem dieSkulptur der hl. Dreifaltigkeit hervorgehoben zu werden. Sie dürfte- wie auch dieMadonna- aus dem 17. Jahrhundert stammen und ein Werk der in Bessans ansässi-gen Schnitzerdynastie Clappier sein, als deren Ahnherr Jean Clappier anzusehen ist.Bemerkenswert erscheint auch die bunt bemalte, in ihrer Ausführung etwas unkon-ventionelle Gestalt der hl. Margarete, die auf einem grünen Drachen kniet, um aufdiese Weise den Sieg über den Unglauben zu symbolisieren. Diese Figur dürfte eben-falls aus dem 17. Jahrhundert stammen. Als volkskünstlerische Arbeit bewertetGoldstern auch die Relieftafel mit der Darstellung des hl. Martin, wofür sie dieunnatürliche Haltung des Reiters geltend macht. Die Datierung 1741 erscheint aller-dings zweifelhaft. Stellvertretend für die vielen Kreuze in und um Bessans kann daskleine Standkreuz mit den Marterwerkzeugen angesehen werden.

Rege Nachfrage scheint in Bessans auch nach Weihwasserkesseln bestandenzu haben, denn Eugenie Goldstern konnte immerhin vier Stück davon erwerben.Bemerkenswert an ihnen ist, dass sie aus Holz gefertigt sind.

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