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Ur-Ethnographie : auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur ; die Sammlung Eugenie Goldstern
Entstehung
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SpinnrockenBessans, nach 1800,OMV/ 32.673a

LiebesgabenRockenstäbe

Zu den Sammelmoden der frühen Volkskunde zählen die Spinnstäbe, auchRocken genannt, von ahd. roc( ko), das vermutlich aus einem vorromanischen Wort,, rotica" stammt und Stange bedeutet, um die etwas gewickelt wird( von lat. rotaredrehen). Diese Alltagsgeräte zur Herstellung des Fadens aus Wolle oder Flachs zeich-net sich durch eine große Vielfalt und eine besondere künstlerische Ausgestaltungaus. Sie gelten als Sinnbild für die ausschließlich den Frauen vorbehaltene Textilar-beit, die früher in sogenannten Spinnstuben gemeinschaftlich verrichtet wurde. Dazubrachten die Frauen und Mädchen ihre eigenen Spinnrocken mit, die sie ehemals alsGeschenk verehrt bekommen hatten. Als sogenannten Liebesgaben" wohnt denRockenstäben deshalb zusätzlich ein besonderer Erinnerungswert inne.

Seit wann der Spinnstab zum Spinnen in Verwendung kam, ist nicht geklärt.Frühe Bildbelege auf hallstattzeitlichen Urnen bezeugen jedenfalls, dass der Faden inder Urzeit nur mit der Spindel hergestellt wurde. Seine Urform scheint der einfacheStab beziehungsweise ein Stab mit dreizackiger Astgabel gewesen zu sein. Sehr frühdürften auch Rohrstäbe benützt worden sein, die man im oberen Teil aufspaltete unddazwischen Scheiben einklemmte. Diese mehrfach abgewandelten Typen fasst manunter dem Begriff Mittelmeerform" zusammen. Die Urformen boten freilich kaumGelegenheit zur Verzierung. Anders die Rocken mit brettchenartigem Oberteil.Abgesehen von den zahlreichen Varianten bei der Umrissgestaltung eignete sich dieverbreiterte Fläche für Ritz- und Kerbschnittverzierungen, für Durchbruchsarbeitenund Ausgründungen. Als weiteres Zierelement kam die Farbe hinzu. Dieser Brettchen-Typus findet sich in ganz Europa, wobei sich mannigfaltige regionaltypische Ausfor-mungen feststellen lassen. Als solche wurden sie dann in den Volkskunstbänden ver-öffentlicht. Auch die Museen setzten ihren Ehrgeiz daran, alle möglichen Variantenin ihre Sammlung zu bekommen. Das gilt speziell für das Wiener Volkskundemuseum,aus dessen umfangreicher Sammlung an Spinnstäben in der Ausstellung eine kleineAuswahl zum Vergleich gezeigt werden soll.

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