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Ur-Ethnographie : auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur ; die Sammlung Eugenie Goldstern
Entstehung
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Schnitzkunst

In ihrer monographischen Arbeit über Bessans fasste Eugenie Goldsterneinen Teil ihrer Kollektion unter dem Begriff Volkskunst" zusammen. Es sind vorallem Gegenstände des täglichen Gebrauchs", schreibt sie, insbesondere die desHausrats, welche hier wie anderwärts mit Vorliebe ausgeschmückt und namentlichmit Schnitzwerk verziert wurden." Eugenie Goldstern wählte die Objekte demnachnicht nur nach ergologischen Gesichtpunkten aus, sondern berücksichtigte auch ihrebildnerische Qualität. Sie konzentrierte sich auf Relikte, deren Material durch dienatürlich gegebenen Ressourcen bestimmt war und die ihre Herstellung einer schein-bar zeitlosen, stilsicheren handwerklichen Fertigkeit verdankten. Allein in der perfek-ten Beherrschung des Werkstoffes Holz sah sie jene ästhetische Qualität gegeben, diedie Objekte zu Sammelobjekten prädestinierte. Für den Hersteller wie auch für denBenützer waren die gedrechselten Schüsseln und Teller, die geschnitzten Löffeln undSchöpfer, die gebundenen Milchgefäße, die geflochtenen Körbe allerdings nur vonder Tradition bestimmte Gebrauchsobjekte, die jederzeit ersetzt werden konnten.Von diesen ausschließlich durch die Funktion bestimmten Gebrauchsgegenständenlassen sich Objekte unterscheiden, die ein besonderer Formwille auszeichnet. Deraußergewöhnlich gestaltete Griff oder die eigenwillige Form der Gefäße verleihenden Objekten eine spezielle Note. In diese Kategorie fallen etwa die vogelförmigenSalzbehälter, die einmal darauf aufmerksam geworden- zu einem Kennzeichen vonBessans wurden.

Unter den Begriff Volkskunst werden vor allem jene Gegenstände des täg-lichen Bedarfs subsumiert, deren Oberfläche eine ornamentale Gestaltung aufweisen.Die Palette der Verzierungsmöglichkeiten reicht dabei von der einfachen Ritzverzie-rung, über den Kerbschnitt, die Ausgründung bis zur Bemalung. Die Objekte erhaltendurch die Verzierung eine sehr individuelle Note, was auf eine enge, persönlicheBeziehung zum ehemaligen Besitzer schließen lässt.

Diese Kriterien treffen besonders auf die Kommunalbecher aus dem Aostatalzu, in denen bei gemeinschaftlichem Umtrunk der Wein kredenzt wurde. Das beson-dere an diesen dünnwandigen Bechern ist, dass sie meisterhaft aus einem Stück Holzherausgedrechselt und zudem durch lineare Zickzack- Bänder ornamental verziertwurden. Bemerkenswert sind ferner die dazugehörigen gedrechselten Weinschalenmit vier waagrechten Handhaben. Gemeinschaftsbesitz war auch die Wiege, in der dieNeugeborenen zur Taufe getragen wurden. Solche kommunale Taufbettchen kannteman ebenso im Wallis, wie das Stück aus Champery bezeugt.

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