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Ur-Ethnographie : auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur ; die Sammlung Eugenie Goldstern
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Volkskunst-

Kunstim Ursprung

Volkskunst, so heißt es, sei eine Erfindung der Moderne. Sie begann nämlichDinge zu entdecken und mit neuen Augen zu betrachten, die zuvor unbeachtet geblie-ben waren. Es handelte sich um Dinge, aus einer bäuerlichen, vorindustriellenUmwelt, um Relikte einer vermeintlich uralten Tradition, um unbewusste, naiveSchöpfungen, denen aufgrund ihrer materialgerechten und stilsicheren Gestaltungeine besondere Anmutung inne wohnte, an denen man plötzlich eigenständige, ästhe-tische Qualitäten erkannte. Gleichzeitig mit der Entdeckung durch Sammler undHändler vollzog sich aber auch jene Erfindung, die man als Volkskunst" bezeichnete.Das Anschauungsmaterial für diese durchaus neue Betrachtungsweise deralltäglichen Dinge lieferten Michael Haberlandt und Wilhelm Hein im neuen Volks-kundemuseum an der Ringstraße, wo die entsprechenden Kollektionen nach regiona-len und artspezifischen Sachgruppen zusammengestellt waren. Hinter der Idee zurGründung des Volkskundemuseums in Wien stand jene breite Bewegung, die imNatürlichen, im Elementaren der ländlichen Kultur eine Erneuerung suchte.

Der Name Volkskunst war erstmals im Umkreis der Kunstgewerbebestrebun-gen aufgetaucht. Man meinte damit die Produkte der Hausindustrie und des Hausge-werbes, auf die anläßlich der Wiener Weltausstellung aufmerksam gemacht wordenwar. Einen Überblick über dieses Genre lieferte auch die 1890 von Wilhelm Exnerorganisierte Hausindustrie- Ausstellung. Kein geringerer als Alois Riegl schuf imAnschluss daran eine erste theoretische Bestimmung, indem er den Begriff Volkskunstauf die Erzeugnisse des Hausfleißes eingeschränkt wissen wollte.

Inzwischen waren auch Künstlergruppen wie etwa jene des Blauen Reiters"auf die einfachen Formen, auf die dekorative ornamentale Verzierung und die ex-pressive Verwendung der Farben der Bauernkunst" aufmerksam geworden. In Wienholten sich die Mitglieder der Wiener Werkstätte bei Museumsbesuchen in der BörseAnregungen für ihre modernen Entwürfe. Auch der Herausgeber der englischen Kunst-zeitschrift The Studio", Charles Holme, nutzte die Museumssammlung, um eine großeAnzahl der Objekte daraus im Band Peasant Art in Austria and Hungaria" abzubilden.Das veranlasste Michael Haberlandt selbst zu einer ersten und unübertroffenenZusammenschau der Volkskunst in Österreich", die ab 1911 in mehreren Folgenerschien. Ergänzt wurde dieses Tafelwerk durch die Reihe Werke der Volkskunst".

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