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Ur-Ethnographie : auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur ; die Sammlung Eugenie Goldstern
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Wann und wo jemand zum ersten Mal auf einem kleinen Schlitten, einer

Rodel, talwärts brauste, lässt sich nicht bestimmen. Größere Schlitten, die vonMensch oder Tier gezogen werden, gehören jedenfalls zu den ältesten Geräten über-haupt, sind für das dritte vorchristliche Jahrtausend in Mesopotamien und für dasalte Ägypten belegt. Die ältesten erhaltenen Schlitten stammen aus Norwegen: Siewaren Teil einer prunkvollen Grabausstattung aus der Zeit um 800 n. Ch. Schlitten

Schlitten wurden überall dort eingesetzt, wo Räder schlecht vorankommen, also auf Schnee,

Heutransport im Winter, Bessansfotografiert von Eugenie GoldsternPos.Nr.3510

Morast, Sand oder auch im steilen Gelände des Hochgebirges. Im Bergbau und in derLandwirtschaft spielten sie lange ein große Rolle beim Transport von Holz, Steinen,Mist, Heu oder Milch.

Das selbständige Abwärtsfahren auf einer Rodel- meist zum Vergnügen-dürfte hingegen eine jüngere Entwicklung sein. Erste Belege dafür stammen aus derzweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Böhmische Bergarbeiter sollen im Riesengebirgemit Einpersonenschlitten nach der Arbeit talwärts gefahren sein, um ihren Weg zuverkürzen. In der Folge berichten Quellen immer wieder von dieser Fortbewegungsart- in Österreich und Bayern als Rodeln" bezeichnet-, woraus sich schließen lässt,dass sie im 18. und dann vor allem im 19. Jahrhundert üblich wurde. Die ältestenerhaltenen Rodeln im Alpenraum stammen aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts ausdem Engadin und dem Münstertal. Ihre Kufen bestehen aus Knochen, die Sitzbrett-chen sind mit Kerbschnitzerei verziert. Eugenie Goldstern hat dem ÖsterreichischenMuseum für Volkskunde ein Beispiel aus dem Engadin überlassen. In ihrem For-schungsbericht über das Münstertal, in dem sie zwei weitere Exemplare erwarb, setztsie sich mit den Knochenschlitten auseinander: die Kufen wurden aus Pferde- oderOchsenschienbeinen hergestellt, die Sitze manchmal mit einer Rückenlehne versehen.Zur Zeit als Goldstern ihre Forschungsreise unternahm, waren derartige Schlitten sel-ten geworden und nicht mehr in Gebrauch. Aber auch die neueren Schlitten miteisenbeschlagenen Holzkufen aus dem 19. Jahrhundert wurden noch als ossel", jousla" oder josla" bezeichnet, was sich vom rätoromanischen Wort öss" oder,, ossa" für Knochen ableitet. Auch diese Schlitten waren zu Goldsterns Zeit kaum nochin Verwendung und durch modernere Typen, die in den Wintersportorten entwickeltworden waren, ersetzt. Diese wurden ebenfalls mit josla"," yousla", Giousla" oder Gieusla" benannt. Goldstern vermutete aufgrund von Vergleichsobjekten ausBosnien, wo Knochenschlitten bis ins 20. Jahrhundert verwendet wurden, undSalzburg, dass diese einst weit verbreitet waren.

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