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Ur-Ethnographie : auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur ; die Sammlung Eugenie Goldstern
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Textilverarbeitung

Flachs und Wolle waren die Grundstoffe, aus denen bäuerliche Kleidung

und textiler Hausrat bis ins 19. Jahrhundert vornehmlich hergestellt waren. In weitenTeilen der Alpen wurden sie im eigenen Betrieb gewonnen, im Winter zu Fäden verar-beitet und entweder selbst oder von einem gewerblichen Weber gewebt. Im Zuge derIndustrialisierung bezogen immer mehr Betriebe insbesondere Stoffe über Händler,da die Verarbeitung von Flachs und Wolle arbeitsintensiv und aufwendig war.

Flachs muss zunächst angebaut und zur Ernte von Hand mit den Wurzelnausgerissen werden. Nach einer Trockenzeit erfolgt die Weiterverarbeitung: MittelsEisenkämmen, den Riffeln, werden Samenkapseln und Wurzeln abgestreift. Aus demSamen wird unter anderem Leinöl hergestellt. Um die Textilfasern der Halme zuerhalten, müssen sie mürbe und brüchig gemacht werden. Dazu wird der Flachs ent-weder zwei bis drei Wochen in flaches Wasser gestellt und danach zum Trocknen aus-gebreitet oder etwa fünf Wochen auf einer Wiese ausgelegt und dem Tau, dem Regenund der Sonne ausgesetzt. Anschließend müssen die Stengel geklopft oder gedörrtund schließlich mit Brecheln, Geräten mit einer Art Holzmesser, ausgelöst werden,wobei sehr viel Staub entsteht. Zum Schluss werden die Fasern durch das Schlagenüber eine Eisenbürste, die Hechel, geglättet und zerteilt.

Die Gewinnung des Rohstoffes Wolle ist etwas einfacher: Die Schafe werdenmit der Schere geschoren, danach die Wolle gewaschen und zum Trocknen aufgelegt.Vor dem Spinnen wird sie gekämmt, um die Fasern zu lockern und Knoten zu lösen.Im Winter erfolgte das Zusammendrehen der Fasern zu einem Faden, alsodas Spinnen, eine Arbeit, die nur von Frauen verrichtet wurde. Das einfachste undälteste Hilfsmittel ist die Spindel mit oder ohne Spinnwirtel. Seit dem ausgehendenMittelalter sind in Europa Spinnräder in Gebrauch, die die Spindel über ein Radantreiben. Der Antrieb mittels Fußpedal erlaubt außerdem ein kontinuierlichesArbeiten. Das zu spinnende Gut wurde auf Rockenstäbe aufgesteckt und von dortweggesponnen. Wolle wurde mitunter auch ohne Rocken verarbeitet. Nach demSpinnen wird der Faden von der Spule genommen und mittels Haspeln zu Strähnengewunden. Zum Weben musste der Faden wiederum auf eine Webspule übertragen,zum Stricken mehrere Fäden mit Hilfe eines Spulengestells händisch zusammen-gedreht und Garnknäuel gewickelt werden.

99 Ur- Ethnographie