Milchtausch- Hölzer
Tesseln
Kanton Graubünden, 19. Jh.,ÖMV/ 32.801, ÖMV/ 32.800, ÖMV/ 32.798
Unter Tesseln( oder Tesslen) sind Holzstücke oder-stäbe zu verstehen, diemittels eingekerbter Zeichen juristische Tatsachen festhalten. Bis ins 19. Jahrhunderthinein war der Anteil an des Lesens Unkundigen oder Unsicheren in der Bevölkerunghoch. Papier war teuer und schriftliche Aufzeichnungen daher unüblich, der Gebrauchvon Tesseln hingegen weit verbreitet. Sie wurden für einzelne Leistungen, wie dieAbrechnung beim Bäcker oder im Wirtshaus, vereinzelt bis ins 20. Jahrhundert hineinverwendet, in Wien etwa zur Abrechnung der Schneefuhren. Während sie aber imGroßen und Ganzen in Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts außer Gebrauch kamen,waren sie im Wallis und in Graubünden bis nach der Jahrhundertwende wichtigeAufzeichnungsformen. Die Tesseln dieser beiden Schweizer Kantone sind demnachgut erforscht und auch das Österreichische Museum für Volkskunde besitzt eineumfangreiche Sammlung, die zu einem großen Teil von Eugenie Goldstern stammt.
Das Wort„ Tessel" kommt vom lateinischen„ tessera", was„ Marke" bedeutet.In der französischen Schweiz werden sie„ taille" genannt, in der italienischen„ taglia"oder„ tessera", in Österreich„ Robisch" oder„ Spanholz", und der hochdeutsche Aus-druck lautet„ Kerbholz" oder„ Kerbstock". Die rechtliche Beweiskraft der Kerbhölzerist in verschiedenen Zivilgesetzbüchern ausdrücklich festgehalten, so im WalliserZivilgesetzbuch von 1854 oder im französischen„ Code civile" von 1793. Sie waren ineinem Wirtschaftsystem, das zu einem großen Teil auf Gemeinschaftsbesitz aufgebautwar, unabdingbar. Die Tesseln verzeichneten als Holzurkunden genau Rechte undPflichten der Gemeindemitglieder und schützten so vor Benachteiligung oder Über-vorteilung. Sie waren fälschungssicher, indem der Holzstock mit den Kerben geteiltwurde oder eine kleinere Tessel( Beitessel) bei einem Partner des Rechtsgeschäftsverblieb.
Nach ihrem Verwendungszweck werden die Tesseln in vier Gruppen einge-teilt. Die Pflichthölzer" oder„ Kehrtesseln" verzeichnen eine Leistung( Kehr), die fürdie Gemeinde zu erbringen ist, wie die Übernahme einer Nachtwache oder des Amtesdes Alpvogts, das Stellen eines Ziegenbocks zur Zucht oder die Gewährung von Kostund Logis für den Gemeinschaftshirten, und zwar reihum so wie die jeweiligen Haus-zeichen auf der Tessel eingekerbt oder auch eingebrannt sind.
55 Ur- Ethnographie