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Ur-Ethnographie : auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur ; die Sammlung Eugenie Goldstern
Entstehung
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Reliktealpiner Kultur

Landwirtschaft

Aufstieg zum Heutransport, Bessansfotografiert von Eugenie GoldsternDia Pos. Nr. 659

Tafel VI

aus Eugenie Goldstern:

Hochgebirgsvolk in Savoyen

und Graubünden.

Wien 1922

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Durch ihre Forschungen im Lammertal in Salzburg und in der südlichenSchweiz, in Savoyen und im Piemont lernte Eugenie Goldstern zwei grundlegende,verschiedene Wirtschaftsformen kennen, die sich durch die Art der Besiedlung unddie Grundlagen, die die Veränderungen in der Völkerwanderungszeit schufen, in denAlpen ergeben haben. Es ist dies einerseits die Betriebsform des Einzelhofes wie imLammertal und andererseits die Form der gemeinsamen Bewirtschaftung von Allmen-den, also Kommunalbesitz, in den südwestlichen Regionen- auch als romanischeWirtschaftsform bezeichnet-, mit unterschiedlichen sozialen und politischen Struk-

turen.

Im sogenannten romanischen Gebiet waren weitgehend nur die intensiv ge-nutzten Flächen, also Äcker und gedüngte Wiesen, in Privatbesitz, extensiv genutzteFlächen, also Weiden, Almen und Wald, in Gemeinschaftsbesitz. Sie wurden entwedergemeinsam oder individuell von allen nach einem System, das niemanden benach-teiligen sollte, genützt. Die Rechte der Kommunen wurden im 12. und 13. Jahrhundertgenau festgelegt. Über Änderungen der Rechte und Pflichten entschieden alle Mitglie-der der Dorfgemeinschaft gemeinsam. Die vorwiegende Erbform war die Realteilung,was bedeutet, dass alle Kinder gleich erbberechtigt waren, das Eigentum daher zer-splittert war und sich immer wieder in Bezug zu den Wirtschaftgebäuden veränderte.Im nördlichen und östlichen Alpenraum hingegen gingen die Bestrebungendahin, dass ein Hof möglichst alle benötigten Flächen als Privateigentum oderzumindest als Genossenschaftsanteil besaß. Die Allmende war stark eingeschränkt.Es bestand vorwiegend sogenanntes Anerbenrecht, bei dem es nur einen einzelnenErben gibt. Der Grundbesitz ist mit dem Hof verbunden, und der Hofname ist meistwichtiger als der Familienname.

Keine dieser Wirtschaftsformen kann als besser" oder angebrachter"bezeichnet werden. Es waren zwei unterschiedliche Lösungen für das( Über) lebenim Hochgebirge, die beide funktionell waren.

Beide Systeme nützten die verschiedenen Vegetationsstufen im Gebirge bishinauf zur Fels- und Schneegrenze. Im Sommer dienten die höheren Stufen zum Wei-den des Viehs und zur Gewinnung von sogenanntem Wildheu, also Heu von nichtgedüngten Wiesen, das im Winter zu Tal gebracht wurde, und die tieferen Regionenfür Ackerbau und seit dem Mittelalter auch als Mähwiesen. Der Ackerbau in denAlpen forderte einen hohen Arbeitseinsatz und war ständigen Gefahren ausgesetztwie sommerlichem Schneefall, Hagel oder Vermurungen. Dennoch wurde er nur inwenigen Regionen, etwa im Schweizer Hirtenland" am Nordrand der Alpen, zugun-sten der wesentlich stabileren Viehwirtschaft völlig aufgegeben, wenn er auch im alsUr- Ethnographie