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Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
Entstehung
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sich im 19. Jahrhundert zu unentbehrlichen Institutionen derFürsorge entwickelten. Während vor der Eröffnung des Wie-ner Findelhauses jährlich einige hundert Kinder im BürgerspitalAufnahme gefunden hatten, schnellte die Zahl der abgegebe-nen Säuglinge im Jahr 1784 sofort auf über 1.000 hinauf underreichte noch vor der Jahrhundertwende die Marke von3.000. Niemand hatte wohl mit einer derartigen Inanspruch-nahme des Hauses gerechnet. Gebär- und Findelhaus musstenim Laufe der Jahrzehnte mehrmals erweitert werden, und abder Mitte des 19. Jahrhunderts war eine jährliche Geburten-zahl( und damit auch Findelkinderzahl) von 8.000 bis 10.000 dieRegel geworden. In den 1850er und 1860er Jahren kam dieHälfte der in Wien geborenen Kinder unehelich zur Welt. Inmanchen Jahren ging ein Drittel der in der Stadt geborenenKinder den Weg ins Findelhaus. Findelkinder waren zu einemMassenphänomen geworden. Auf ländliche Pflegeplätze ver-teilt, mangelhaft ernährt und schlecht versorgt, starben vielenvon ihnen einen frühen Tod.

Als zeitweise größte Findelanstalt der Welt hatte die WienerEinrichtung ein eigenes Modell entwickelt, das nach demGründer der Einrichtung, Josef II., josephinisches Findelkin-dersystem" genannt wurde. Das Charakteristikum diesesModells bestand in der beschriebenen engen Verknüpfung vonGebär- und Findelanstalt: Bedingung für die Abgabe eines Kin-des in der Findelanstalt war, dass es im angeschlossenenGebärhaus zur Welt gekommen war. Gegen Zahlung einerGebühr konnte eine Frau bei der Geburt ganz anonym bleiben,ja ihr Gesicht sogar hinter einer Larve oder einem Schleier ver-stecken. Das Wiener Gebärhaus, das im großen Komplex desAllgemeinen Krankenhauses der Stadt untergebracht war, ver-fügte auch über einen eigenen, versteckt gelegenen Eingang:Dieses Tor für die heimlich Schwangeren" war der reichenzahlenden Klientel vorbehalten. Arme Frauen mussten im ge-burtshilflichen Unterricht dienen und sahen sich dem eigenar-tigen Widerspruch ausgesetzt, dass ihre Person theoretischzwar unbekannt bleiben durfte, ihr Körper aber in einem fürdamalige Verhältnisse sogar außergewöhnlichen Ausmaß,, öffentlich" war.

Außer bei österreichischen Findelhäusern waren es aber im All-gemeinen die Drehladen, welche die Möglichkeit boten, sicheines Kindes anonym zu entledigen. Sie sind die unmittelbarenVorläuferinnen der heutigen Babyklappen. Beide kann man alsspektakuläre, aber gewissermaßen auch hilflose Reaktionender Gesellschaft auf ein als ungeheuerlich empfundenes Phä-nomen werten: Das Weglegen von Kindern, das ja immer auchden Tod der Ausgesetzten mit in Kauf nahm, musste auf jedenFall verhindert werden, und sei es um den Preis einer gewissenFörderung dessen, was eigentlich unterbunden werden sollte.Auch die Idee der anonymen Geburt wurde in jüngster Zeitwieder aufgegriffen. Vorerst nur von einem Wiener Ordensspi-tal angeboten, ist sie heute in den meisten österreichischenSpitälern möglich. Und Babyklappen gibt es nach deutschemVorbild und nach der Installierung eines ersten Prototyps inWien, mittlerweile auch in anderen österreichischen Städten.³Was unterscheidet die Einrichtungen des 18. und 19. Jahrhun-derts von den heutigen Versuchen, für unerwünschte Kindervorzusorgen? Und wo finden sich Parallelen zwischen denhistorischen Anstrengungen und jenen der Gegenwart? Warumschließlich ist Geheimhaltung in diesem Zusammenhang ein sozentrales Thema?

Hinter dem Angebot der Anonymität standen und stehen zweiAnnahmen: Zum einen schien dieses Angebot manchmal dieeinzige Möglichkeit zu sein, die Mutter von der Schande zubefreien, die ein außerhalb der Ehe geborenes Kind für siebedeuten konnte. Die Frau von der Last der Kindesversorgungzu befreien war da nicht genug: Wurde ein uneheliches Kind alsFehltritt und die Frau als gefallen" wahrgenommen, so warVerheimlichung nicht nur als individuelle Strategie, sondernoffenbar auch als öffentliche eine probate Lösung. Zum ande-ren gerieten Frauen, die ihre Kinder weggeben mussten, mitdem sich im Laufe des 19. Jahrhunderts verstärkenden Appellan die Mutterliebe zunehmend unter Druck. Sich zu diesemSchritt öffentlich bekennen zu müssen ist heute schwierigerdenn je. Geheimhaltung war und ist also ein notwendiges Attri-but der beschriebenen Einrichtungen. Drehladen ersparten denPersonen, die sich ihrer bedienten, die persönliche Konfronta-