Druckschrift 
Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Annegret Soltau

Auf dem Gebärtisch, 193 Fotos, je 122 x 160 cm

ANNEGRET SOLTAU( geb.1946) hat sich seit 1978 aus ihrerpersönlichen Situation heraus mit dem Thema Schwanger-schaft und Geburt beschäftigt. Sie hatte 1978 eine Tochter und1980 einen Sohn geboren. Diese Erlebnisse der körperlichenund seelischen Eingriffe und Veränderungen haben starke Ein-wirkungen auf meine künstlerische Arbeit gehabt. Jetzt warich an den Punkt gelangt, wo biologische und geistige Schöp-fung zusammentreffen konnten."( 9)

Über den ganzen Zeitraum der Schwangerschaft beobachtetesie mit Videoaufzeichnungen ihren eigenen Körper und zeigtedabei äußerliche Veränderungen und innere Zustände. Parallelzu den Video- Bändern hat sie auch mit Fotos gearbeitet. DieSequenz von drei großen Fotos ,, Auf dem Gebärtisch" sind1984 in Heidelberg ausgestellt worden. Das Möbel, das nichtzu sehen ist, ist ein Tisch, nicht einmal ein Gebärbett. Auf demTisch präsentiert: Im ersten Bild ist sie mit einem weißen Tuchvon Kopf bis Fuß bedeckt. Auf dem zweiten Foto ist der Ober-körper abgedeckt wie zur Identifikation einer Leiche. Der Kopfist aber nicht zu sehen, wird in der gewählten Perspektivedurch den schwangeren Bauch abgedeckt. Ein Sensenblattragt aus der Vagina auf dem dritten Foto, schwarz, scharf ge-schnitten. Die Frau liegt ohne Gegenwehr, die Hände schlaffan der Seite auf dem Laken, ausgeliefert, durch Gefährdungund Angst fast leblos. Das Sensenblatt als Zeichen für dro-henden Schmerz und Gefahr, das Werkzeug des Sensen-

mannes.

Die Veränderungen am eigenen Körper hat Annegret Soltauals Bedrohung ihrer Existenz als Künstlerin empfunden. Dasmüsste nach traditionellen Vorstellungen das Ende der Kunstsein und die Ursache für Frauen, nicht künstlerisch schöpfe-risch sein zu können( bzw. nur unter Verzicht auf die biologi-sche Schöpfung). Ich aber wollte beides miteinander verbin-den."( 9)

Hier greift Annegret Soltau die alte Frage auf, wie Frauen Krea-tivität und Mutterschaft verbinden können. Ein Beispiel für dieAngst vor dem künstlerischen Versagen gibt Meret Oppen-heim mit ihrer Zeichnung Ex voto: Der Würgeengel",( 1931/32) Sie zeichnete einen Engel, der ein Kind tötet und gibtdamit ihrem Wunsch Ausdruck, nie ein Kind haben zu wollen,zerstört in sich den jeder Frau unterstellten Wunsch, Mutter zuwerden.

Auf zunächst rein organisatorischer Ebene haben Frauen durchdas Projekt ,, postal events" die Arbeitsformen von Künstlerin-nen zu verbessern versucht. Seit 1975 tauschten englischeKünstlerinnen, die fast alle ein Studium an einer Kunsthoch-schule absolviert hatten, aber auf Grund ihrer Rolle als Mutteran das Haus gefesselt waren, ihre Erfahrungen als Mutter,Sexobjekte und Künstlerinnen in Form von Berichten und klei-nen Arbeiten miteinander aus, die sie sich gegenseitig zu-schickten. ,, Unsere Isolation ist jetzt gebrochen," meinte KateWalker, eine der Initiatorinnen dieses Projektes. Hier ging esweniger um Innovation als darum, als Künstlerin gesellschaftli-

10

40