Valie Export
Geburtenbett, 1980
Keil: Baustahl, Kunstharz, LeuchtstoffröhrenMuseum Moderner Kunst Wien
niert. Später durfte sie in Berlin in Neukölln im Kreiẞsaal foto-grafieren. Nach den Fotos sind dann im Atelier die Bilder ent-standen. Es wird eine Realität gezeigt, wie sie dem Arzt in sei-ner alltäglichen routinierten Ausübung seines Berufes gar nichtmehr bewusst wird. Die Patientin wird vorgeführt in einer kal-ten Umgebung: blitzende Geräte aus Metall, in Rückenlage,aufgehobene Intimität, ohnmächtig preisgegeben einer Thera-pie, die Schmerzen und Verletzungen verursacht. Die Geburts-zange wie ein vernichtendes Werkzeug von oben in die Ge-bärende hineingeschoben, zusammengedrückt, um den Kopfdes Kindes zu fassen. Hier wird die Geburt ihrer Mystik ent-ledigt, das große, elementare Geburtserlebnis zu einem medi-zinischen Eingriff neutralisiert. Kein großer Akt von der Geburtdes Menschen, eher eine medizinische Tätlichkeit an der ano-nymen Patientin. Die sachliche Kühle und Nüchternheit in derSchilderung einer Grenzsituation, die routinierte, ärztlicheHandwerksarbeit bei kreatürlicher Hilflosigkeit und Todesangstzeigt ein Höchstmaß an Entfremdung zwischen Patient undSamariter.
VALIE EXPORT( geb. 1940) baute 1980 das ,, Geburtenbett",das auch auf ihrer ersten großen Retrospektive 1997 in Wiengezeigt wurde. Das Möbel wirkt eher wie ein Tisch denn alsein Bett, stammt eher aus einer Werkstatt denn aus einerWochenstube, lässt an einen Sägetisch oder eine Fräsbankdenken. Auf der Platte aufgesetzt der liegende Torso einesUnterleibes mit gespreizten Beinen, zwischen die zentral zweiSchienen spitz zulaufen. Oberkörper, Kopf und Arme gibt esnicht. Der Unterleib ist abgeschnitten präsentiert. Dort, wo derOberkörper liegen müsste, liegt ein Keilstück, das sich als Auf-lage für die Platte nach unten vervollständigt. Der Keil wirktwie ein Teil, das man schreienden und krampfenden Men-schen zwischen die Zähne schiebt. Sieht man die Installation,wird einem unbehaglich. Valie Export hat sich künstlerisch mul-timedial ausgedrückt. Die Aktion ,, Tapp- und Tastkino" und dieAktion ,, Aus der Mappe der Hündigkeit" brachten Aufsehenund Entrüstung.„ Im 1.echten Frauenfilm" durften Männer füreinen Zeitraum von 1/5 Minute in eine Schachtel greifen und
tasten, die sich Export vor den Busen geschnallt hatte. DiesesKörperkino ermöglichte dem ,, Besucher" seine Sehnsüchte zustillen, doch es sollte nicht die Erlösung sein:„ Die Realität desweiblichen Körpers wirft seine Besucher auf sich selbstzurück."( 7)
Es ist letzten Endes die Fortführung der Idee von Marcel Duch-amp, der 1947 einen Gummibusen zeigte mit der Aufschrift,, Bitte berühren". Valie Export hat diese Einladung dann in einebeklemmende Realität umgesetzt.
1968 schlenderte Valie Export mit dem angeleinten Filmema-cher Peter Weibel durch eine Wiener Einkaufsstraße. Weibel Glossar ::: zum Glossareintrag Weibelkroch auf allen Vieren hinter ihr her. ,, Die sexuelle Dimensionder Aktion Mann als Hund am Gängelband der Frau, Sadis-mus/ Masochismus, Matriarchat- rief am meisten Beklem-mung und Irritation hervor."( 8)
Es ist ganz sicher eine feministische Kunst, die die Geschichteder Demütigungen von Frauen darstellen soll, in dem dieseDemütigungen nun Männern zugefügt werden und dadurchüberhaupt erst einer Gesellschaft bewusst werden. Valie Exporthat in lebensgroßen Fotographien Heiligenikonen nachgestelltund lässt ihre Protagonistin blutigrot den Inhalt einer Wasch-maschine gebären. Es ist ein Selbstfindungsprozess durchAblehnung bzw. durch Zerstörung des tradierten Bildnisses derFrau. Alle geschwungenen Linien gelten schlechthin gleichals weiblich, so wie lineare und geometrische Kompositionenals männlich gelten," hat Valie Export resigniert gesagt( 8)und dagegen ihr„ Geburtenbett" mit geraden, messerscharfenKanten gesetzt, das in seiner einem Seziertisch ähnlichen Artgar nicht so weit von dem empfohlenen„ Universalentbin-dungstisch" des Geburtshelfers K. Wirth von 1970 entfernt ist.
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