auch sie schließlich um. Die protestantischen deut-schen Länder rechneten ab 1700 mit dem gregoria-nischen Kalender, England zog 1751 nach, Schwe-den 1753. Die katholischen Kantone der Schweizhatten schon 1583 den Neuen Stil übernommen, dieprotestantischen folgten 1700, mit AusnahmeGraubündens, das erst 1811 nachzog. Die orthodo-xen Kirchen übernahmen im übrigen den gregoria-nischen Kalender bis heute nicht und nahmen somitauch den Zeitsprung von zehn Tagen nicht vor.20
Die Annahme des gregorianischen Kalenders durchdie Reformierten war nur möglich geworden, weilder Kalender schon so weit säkularisiert war, daß erdem Alltag zugeordnet und als der kirchlichenSphäre enthoben betrachtet wurde.
Während des gesamten Mittelalters und in derfrühen Neuzeit bestimmte die Kirche die Einteilungdes Jahres. Sie übte ihre Macht damit auch über dieZeit aus und demonstrierte, daß Zeit nicht natur-sondern gottgegeben sei. Der Jahresrhythmus ent-sprach den beiden großen Festkreisen, Ostern undWeihnachten, zu denen weitere Herren- und Heili-genfeste, wie Christi Himmelfahrt, Peter und Paul,Kosmas und Damian oder die Heiligen der Mittwin-terzeit, auf die an anderer Stelle in dieser Publikati-on eingegangen wird, hinzukamen. Da schriftlicheAufzeichnungen der Zeitrechnung, also Almanacheoder Kalender, im Mittelalter nur Geistlichen undhohen Adeligen zur Verfügung standen, war derRest der Bevölkerung auf jene Zeitangaben ange-wiesen, die der Priester von der Kanzel predigte.Die Verbreitung von Kalendern nach Erfindung desBuchdrucks mit beweglichen Lettern war ein Schritthin zu einer Verbürgerlichung des Kalenders, der imLauf der Zeit den liturgischen Rahmen fast völligverlieren sollte. Dazu kam, daß bis zur Reformationdie Tagesangabe an die Heiligen gebunden war,deren Namensfest am betreffenden Tag gefeiertwurde. Ausgehend von den protestantischen Län-dern setzte sich die Angabe der Numerierung desTages immer mehr durch; beispielsweise statt ,, Tagder Heiligen Ursula" sagen wir„, 21. Oktober". 21
Das Jahr wurde im Laufe des 17., 18. und 19. Jahr-hunderts mehr und mehr in anderen Rhythmenerlebt, die nicht mehr den großen Festkreisen desKirchenjahres entsprachen und nicht mehr denZyklen der Jahreszeiten, die mitunter als Bauern-jahr bezeichnet werden. Für das Bürgertum wurdenTheatersaisonen, Ferienzeiten und Verwaltungspe-rioden wichtiger als Patrozinien oder Quatemberta-ge. Auf der anderen Seite wird auch der Zeitrhyth-mus der Gegenwart nach wie vor von der Kirche mit-bestimmt, gerade was die hohen Festtage wieOstern oder Weihnachten betrifft. Es sind Tage, andenen der Staat Arbeitsruhe verordnet. Die Ände-rung des Zeitbewußtseins im Laufe der Jahrhunder-te kann anhand der Entwicklung der schriftlichenDarlegungen der Jahres-, Monats- und Tageszäh-lung nachgezeichnet werden.
Der gregorianische Kalender ist heute zu einerSelbstverständlichkeit geworden. Mit der Koloniali-sierung der Welt durch Europa wurde er verbreitetund anderen Kulturen vorgeschrieben. Durch inter-nationale Handelsbeziehungen und das Fortschrei-
18
Hl. Luzia
Österreichisches Museum für Volkskunde