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Mit dem Gefühl der Hände : zeitgenössische Töpfer in Niederösterreich ; Schloß Gobelsburg bei Langenlois im Kamptal, 24. Mai bis 19. Oktober 1997 ; Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, 26. Oktober 1997 bis 23. Februar 1998
Entstehung
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Wolf Dieter Mießl

3270 Scheibbs Erlaufstraße 30

Tel. 0748 2/4 2 3 3 4

Scheibbser KeramikWolf Dieter Mießl

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Wenn die Scheibbser Bevölkerung ,, in dieKeramik" geht, dann liegt ihr Ziel ungefährzwei Kilometer vom Ortskern entfernt, ander Westseite der Erlauf gelegen. Dortbefindet sich das Verkaufslokal derScheibbser Keramik, angeschlossen andie gleichnamige Produktionsstätte, wojährlich am Samstag vor dem Palmsonntagein kleines Volksfest gefeiert wird. Im Mit-telpunkt stehen die Kinder, die unter Anlei-tung von Betreuern Muttertagsgeschenkeaus Ton formen dürfen, die dann, buntglasiert, in den Öfen der ScheibbserKeramik gebrannt werden. Initiiert hatdiesen Brauch der derzeitige Besitzer derScheibbser Keramik, der Kärntner WolfDieter Mieẞl. Ihm ist es gelungen, dieHöhen und Tiefen in der Geschichte derScheibbser Keramik mit einem konsequen-ten volkstümlichen Warenspektrum in einengleichbleibenden Verkaufserfolg zu ver-wandeln.

Im Jahre 1965 folgt der Absolvent derStoober Keramikfachschule Wolf DieterMieẞl dem Rat des Schuldirektors undübernimmt den maroden Gewerbebetriebvon einem Mitglied der Familie Weinbren-ner. Ludwig Weinbrenner hatte ja im Jahre1923 mit großen Idealen und voller Energiedie Scheibbser Keramik begründet. Er kauf-te das Hammerwerk an der Erlauf- heutenoch Sitz der Scheibbser Keramik- undexpandierte innerhalb weniger Jahre durchZukauf und Zubau von Räumlichkeiten zubeiden Seiten der Erlauf derart, daß er zeit-weise über hundert Angestellte beschäfti-gen konnte. Bekannte Wiener Keramikerin-nen modellierten und glasierten für dieScheibbser Kunstkeramik. Nach ihren Ent-würfen wurden Gipsformen angefertigt,

die, von unterschiedlichen Händen glasiert,trotz Formengleichheit durch die Herstel-lung im Gieß- und Eindrehverfahren dieWertschätzung von Unikaten bewahrten.Man produzierte für unser Auge groteskund kurios anmutende Keramiken"( s. Hottenroth, S.2) in unkonventionellenGlasurfarben wie rosa, hellgrün und gelb.Außer dem Namen und den Räumlichkeitengibt es keine Gemeinsamkeiten zwischendamals und heute. Im Jahre 1987 findetWolf Dieter Mieẞl eine für ihn sinnvollenArt, den Betrieb in der Form weiterzu-führen. Er verpachtet seine gesamte Werk-statt der Lebenshilfe und wird von diesersamt den beiden Keramikmalerinnen imAngestelltenverhältnis weiterbeschäftigt.Seit damals liegt die Formgebung in denHänden von geschickten Schützlingen derLebenshilfe. Die traditionelle Produktions-form der Scheibbser Keramik, die zu keinerZeit an der Töpferscheibe geformte Kera-mik herstellte, kam dieser Einrichtungdabei entgegen. Nach kurzem Kneten wirdder Ton gekonnt auf der Gipsform verteiltund mit einer Schablone in entsprechenderWandstärke in die Form gestrichen. In derDreherei arbeiten derzeit bis zu 15 Schütz-linge des Vereines Lebenshilfe Nieder-österreich- Vereinigung für geistig undmehrfach behinderte Menschen" mit ihrenBetreuern. Nach einem Tag ist der Tonlederhart, sodaß die Kanten nun mit einerKlinge oder Schlinge gerändert werdenkönnen. In ganz trockenem Zustand werdendie Gefäße von Hilfskräften der Lebenshilferetuchiert, also mit einem nassen Schwammgeputzt, und sind damit bereit für dieBemalung.