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Mit dem Gefühl der Hände : zeitgenössische Töpfer in Niederösterreich ; Schloß Gobelsburg bei Langenlois im Kamptal, 24. Mai bis 19. Oktober 1997 ; Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, 26. Oktober 1997 bis 23. Februar 1998
Entstehung
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Martina Aigner

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Martina Aigner

3170 Hainfeld Gölsenstraße 27 Tel.: 02764/7578

Die im Jahre 1966 geborene Hainfelderinhatte schon immer den Wunsch, ein Hand-werk zu erlernen. Sie besuchte von 1980bis 1984 die Fachschule für Keramik undOfenbau in Stoob, wo sie ihren Mann ken-nenlernte. Nach zweijähriger Praxis in derKachelmanufaktur Prantner in Texing voll-endete sie ihre Ausbildung durch die Mei-sterprüfung und zog mit ihrem Mann nachHainfeld. Dort, im eigenen Haus, richtetensie ihre Werkstatt ein und töpfertenanfangs gemeinsam Gebrauchsware undOfenkacheln. Als Martina Aigner Mutterwird, fällt es ihr schwer, die gemeinschaftli-che Werkstattarbeit aufrechtzuhalten. Siemußte den Schau- und Verkaufsraum ihresGewerbebetriebes in St.Pölten schließenund ihr Mann verlagerte seine Produktionletztendlich gänzlich außer Haus, gründetemit einem Kollegen einen eigenen Gewer-bebetrieb in Trautmannsdorf, wo die bei-den zur Zeit ausschließlich Kachelöfen ent-werfen und Ofenkacheln gießen und bren-

nen.

Betritt man im Jahr 1997 das romantischeHäuschen der Familie Aigner, so bildet dieverglaste Holzveranda den derzeitigenSchau- und Verkaufsraum für MartinaAigners Töpferware. Neben Tee- und Spei-seservicen, Kannen und Plutzern wird vorallem funktionelle Haushaltsware in tradi-tionellen Formen angeboten: ein Hühner-bräter mit Bratzapfen zum Aufspießen desHuhns und Saftschale, ein Saurüssl", alsoeine Pfanne im Form einer halbierten, zylin-drischen engmundigen

Flasche, ein Salzbehälter mit Henkel undausgeschnittener, runder Öffnung zumHantieren mit einem Holzlöffel, weiters

Brotdose, Zwillingstopf( Paarhäfn"),

Parmesan- und Honigtöpfchen, durch Auf-schriften ihren Verwendungszweck verra-tend, Gulaschschüsseln mit zwei Querhen-keln und traditionelle Backformen wie diedes Taufkindes", die auf den volkskundli-chen Brauch zurückgehen, einer Wöchnerineinen Striezel zur Geburt ihres Kindes inder bekannten Form des Faschenkindls zuschenken. Der Sauerkrauttopf mit tieferKehlung am Rand, die mit Wasser gefülltist, das bewirkt, daß bei der Gärung zwarvon innen Luft nach außen dringt, aberkeine hinein. Auch die Doppelschüssel mitzwei gegenständigen Querhenkeln ist imSortiment der Meistertöpferin. Darunterversteht man eine große Schüssel, inderen Zentrum eine kleine Schüssel sitzt.Getöpfert wird die Doppelschüssel auseinem Batzen Ton in einem gemeinsamenDrehvorgang.

An der Rückseite des Hauses, der Küchegegenüberliegend, ist die Werkstatt derTöpferin untergebracht. Der Raum wirktnicht nur hell und freundlich, er ist auchpraktisch eingerichtet. Im Zentrum stehtein großer Arbeitstisch, auf dem im erstenArbeitsgang der Ton bearbeitet wird. Marti-na Aigner verwendet deutschen Steinzeug-ton, den sie fertig aufbereitet und luftdichtverpackt in Plastikfolien kauft. Nachdemsie ein Stück Ton in der nötigen Größeabgeschnitten hat, knetet sie es durch,damit beim Verdichten alle Luft entweichenkann. Der Tonbatzen wird im nächstenArbeitsgang auf der elektrischen Hand-drehscheibe, die am Fenster steht undvon der aus sie den Garten ihres Hausesüberblicken kann, zentriert und hochge-dreht. Mit einem sog. Nierndl", einem nie-renförmigen Plastikblättchen glättet sie die