Felix StalderDie digitale Kultur eines ZugvogelsIm Titel dieses Beitrags stecken zwei Behauptungen, die vielleicht aufden ersten Blick merkwürdig erscheinen. Zum einen, dass ein Zug-vogel, ein Wildtier, selbst ein kulturelles Wesen sei und zum anderen,dass diese Kultur durch die Digitalität geprägt wäre. Im Folgendenwerde ich beide Behauptungen erläutern, weniger um damit das auchfür die Kulturwissenschaften sehr produktive Nachdenken über dieBezogenheit von Natur und Kultur anzuregen,1sondern um darausElemente für eine andere Perspektive auf Digitalität generell zuziehen.Der Text ist entsprechend in zwei Teile gegliedert. Im ers-ten sollen Aspekte der Kultur und der Digitalität eines Wildtiers aufBasis einer Fallstudie, der seit 2013 laufenden Wiederauswilderungdes Waldrapps in Europa, skizziert werden. Im zweiten Teil solldann daraus das Verhältnis von Digitalität zu einer fragil geworde-nen Umwelt in den Blick genommen werden. Der Text ist stilistischund in seinem Anspruch essayistisch. Ziel ist es nicht, abgeschlosseneForschungsergebnisse oder eine systematische Theorie zu präsentie-ren. Vielmehr soll auf Basis eines noch laufenden, künstlerisch-wis-senschaftlichen Forschungsprojekts,2in dem wir uns intensiv mitdiesem Renaturierungsprojekt beschäftigt haben, Material für dieDiskussion über mögliche Ausrichtungen der Digitalität zur Verfü-gung gestellt werden.1Es sei dazu nur auf diese beiden Texte als sehr unterschiedliche Einstiegein dieses Nachdenken verwiesen: Donna Jeanne Haraway: Unruhigbleiben: die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Übersetzt vonKarin Harrasser. Frankfurt a. M., New York 2018; Frederic Hanusch,Claus Leggewie, Erik Meyer: Planetar denken: ein Einstieg. X-Texte zuKultur und Gesellschaft. Bielefeld 2021.2Latent Spaces. Performing Ambiguous Data(2021–2024). ZürcherHochschule der Künste(ZHDK) https://latentspaces.zhdk.ch(Zugriff:12.1.2025).
Aufsatz
Die digitale Kultur eines Zugvogels
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