Egerer Bürger Ludwig eine Abschrift. Mit diesen beiden Werken aber reicht Heinrichschon in die kommende Zeit hinein, sie stehen im Zeichen von Humanismus und Refor:mation.
Denn um die Mitte des 14. Ihs. vollzieht sich in Böhmen eine wichtige Zeit-wende, im staatlichen wie im geistigen Leben. Der Luremburger Karl erreichte, wasOtacker II. vergeblich erstrebt hatte: er wurde deutscher König und Kaiser. Damitstieg Böhmen zum Vorland des Deutschen Reiches auf, Prag zu seiner Hauptstadt.Aber nicht nur die staatliche Macht und die wirtschaftliche Kraft des Landes wurdenaußerordentlich gehoben, auch das geistige und künstlerische Leben erreichte einen kaumgeahnten Aufschwung. Der größte Baukünstler, den Deutschland damals besaß,Peter Parler aus Gmünd, fand hier eine bleibende Stätte seines Wirkens und führtedie sinkende Gotik noch einmal zu herrlicher Entfaltung. Auf dem Gebiete der Malereiwurde ebenso Erstaunliches geleistet wie in der Bildhauerkunst. Ein Brennpunkt derWissenschaft wurde durch die Gründung der ersten Universität Deutschlands hier ge-schaffen; mehr als 4/5 ihrer Hörer waren Deutsche. Der Übergang vom Mittelalterzur Neuzeit bereitete sich vor, in Böhmen und Schlesien früher als in anderen deut-schen Ländern. Von Italien drang ein neuer Geistesfrühling, die Wiedergeburt desAltertums, über die Alpen und wirkte sich zuerst in Böhmen aus. Petrarka, Rienzoweilten in Prag. Eine neue Sprachform für die schriftlichen Aufzeichnungen bildetesich in der kaiserlichen Kanzlei aus, auf einem Ausgleich süddeutscher und mittel-deutscher Eigenheiten, die sich in Prag von Norden und Süden her begegneten, be-ruhend. Im Stil wurde diese Sprache durch das humanistische Vorbild zu künst-lerischer Ausdrucksfähigkeit gehoben und befähigt. Aus der kaiserlichen Kanzlei drangsie in die Kanzlei der Fürsten und der Städte und wurde zu einer Grundlage fürunsere neuhochdeutsche Schriftsprache. Im religiösen Denken kündet sich die kommendeReformation an; Waldensische Lehren, die Laienfrömmigkeit der niederländischenBegharden, die Gedankenwelt Wicliffs und anderer Reformer fanden in Böhmenbereiten Boden und lockerten das starre Dogma der Kirche. So wird Prag in derzweiten Hälfte des 14. Jhs. der Mittelpunkt des geistigen Lebens für ganz Deutschland.Die Dichtung hielt mit dieser wunderbaren Entwicklung zunächst nicht gleichenSchritt. Verzeichnen wir, daß die ersten deutschen Bibeln in keinem Land so zahlreichzu finden sind als in Böhmen. Um 1350 entstand die erste vollständige deutsche Bibel-übersetzung; es ist nicht erweisbar, aber sehr wahrscheinlich, daß Böhmen ihr Ur-sprungsland war. Jedenfalls birgt das Stift Tepl noch heute die älteste Handschriftdavon. Karls Tochter Anna, die mit dem englischen König Richard vermählt war,besaß eine dreisprachige Bibel: lateinisch, deutsch und tschechisch. Für Wenzel IV.wurde die berühmte Bilderhandschrift des alten Testamentes in deutscher Sprachehergestellt, die als Wenzelsbibel noch heute eine Zierde der Wiener Nationalbibliothekist. Sie stammt aus der Schreibstube des deutschen Prager Richters Martin Rotlöw,in der Bibelverdeutschungen mehrfach abgeschrieben wurden, um ,, das manchen Leu-
202