Daß Walter von der Vogel weide aus Böhmen stamme, ist freilich eine unhaltbareVermutung, mag auch ein Meistersingerlied ihn einen Landherrn aus Böhmen nennenund bei Brür ein Vogelweidhof bestanden haben. Aber der große Sänger, der diedeutschen Länder von der Seine bis zur Mur, vom Po bis zur Trave durchwanderthat, hätte wie in Wien und Meißen so auch in Prag am Hofe Otackers I. auftretenkönnen. War Prag in den ersten Jahrzehnten des 13. Jhs. noch kein Boden dafür?Oder war die Feindschaft zwischen Meißen und Böhmen das Hindernis? Wir wissenes nicht zu sagen. Aber jenes Gedicht, auf das wir eben verwiesen, zeigt, wie hochman die deutsche Dichtung Böhmens später einschäßte, daß man sogar die HeimatWalters hierher verlegte.
Wenn nicht den Meister, so finden wir doch seinen Schüler in Böhmen. Der erstedeutsche Dichter, den man am Prager Hofe nachweisen kann, ist Reimar von Zweter.Er stammt vom Rhein und war, wie er uns selbst berichtet, in Österreich aufgewachsen.Daß er überhaupt der erste deutsche Sänger in Prag war, ist nicht zu behaupten, janicht einmal wahrscheinlich. Aber er war wohl der erste, der hier die dauernde Stellungeines Hofdichters inne hatte. 1235 kam er an Wenzels Hof und weilte hier 6 Jahre,bis widrige Verhältnisse ihn vertrieben. Den politischen Spruch, den Walter in dieLiteratur eingeführt und zu meisterhafter Vollendung erhoben hatte, hat nach ihmkeiner trefflicher zu handhaben gewußt als eben Reimar. Wie Walter einst im Diensteder Hohenstaufen gewirkt hat, so verteidigt er nun die Politik des böhmischen Hofesin kraftvollen Sprüchen. Den König preist er: ,, diu sunne zimt niht baz dem tage dander edele cronetrage ûz Beheimlant gote unt uns zeinem fürsten". Ihm fühlt ersich auch vor allem verbunden: ,, Beheimb han ich mir erkorn, mêre durch den herrendan durch daz lant; doch beide sint si guot." Auch mit andern Gedichtenund Gesängen hat er gewiß oft die Hofgesellschaft unterhalten, nicht bloßmit eigenen Schöpfungen, sondern auch mit dem üblichen Liederschaß derfahrenden Sänger. Daß der deutsche Dichter am Hofe mancherlei An-feindungen erfahren hat, ist leicht begreiflich; er wettert kräftig gegen seineNeider, muß aber schließlich doch den Ränken seiner Gegner weichen. Nocham Prager Hofe hat er einen begeisterten Spruch auf den großen StaufenkaiserFriedrich II. verfaßt; als dieser aber zum zweitenmale gebannt und der Keßereibeschuldigt wurde, wendete er sich der großen Sünde wegen von ihm ab. Offenbarhaben einseitige Berichte in Prag ihn zum Wechsel seiner Haltung bestimmt. Dochunablässig tritt er für eine gerechte, starke und friedliche Führung in Staat undKirche ein. An dichterischer Kraft und Persönlichkeit kann er sich mit Walter nichtmessen, aber er blieb den großen Dichtern der Blütezeit doch wesensverwandt. Gegenden Formenreichtum seines Meisters erscheint er arm: seine Sprüche habenfast alle die gleiche Form: Frau- Ehren- Ton nennt sich stolz seine Strophe.Man darf ihn rühmen, der beste Spruchdichter nach Walter zu sein. Als ervon Böhmen geschieden war, hat er noch 20 Jahre als fahrender Sänger gelebt,
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