Druckschrift 
Die Entstehung und sagengeschichtliche Bedeutung des Seifridsliedes
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

23

kommt, daß auch in HSM fein Bruder Kriemhilds handelnd auftritt,in HSE aber in den Angaben über die Brüder nur Verwirrungherrscht. Damit fällt Panzers Argument. Es hält aber überhauptschwer, ein durchschlagendes Argument für die eine oder andereStellungnahme zu finden. Mir scheint es richtiger, die Quelle dazu suchen, wo die übereinstimmenden Stücke zusammen hintereinandergelesen werden, als da, wo sie verzettelt sind, also im Rosengarten;und dies umsomehr, als HS auch den Ausdruck keiserliche meit,der dem Rosengarten auch sonst geläufig ist, anwendet und zwarwieder an anderer Stelle, nämlich Str. 37. Man mag diese Be-gründung unzureichend finden, und auch ich lege wenig Wert aufsie; denn, wer die oben gegebene Entstehungsgeschichte von HSMals richtig befunden hat, wird ohne weiteres von der Priorität desRosengartens überzeugt sein.

Indes es wird Zeit, daß wir uns den Eingang und den Schlußdes Seifridsliedes genauer ansehen und die bisher stillschweigendgemachte Voraussetzung, daß diese beiden Teile ursprünglich nichtsmit dem Mittelstück zu tun hatten, zu beweisen versuchen. HSA¹)erzählt folgendes:

König Sigmund vom Niederlande hat einen recht übermütigenund unbändigen Sohn mit Namen Seifrid.2) Dessen Sinnen undTrachten steht darauf, in die Welt zu fahren. Und wirklich läßtihn der Vater auf den Zuspruch seiner Räte hin ziehen. Diesemeinen nämlich, in der Welt müsse er wenigstens etwas leisten,und dadurch werde er schon gebändigt werden. Seifrid verläßt alsoseines Vaters Hof und zieht hinaus. In einem Dorfe verdingt ersich bei einem Schmiede. Aber auch hier treibt er seinen Unfugweiter, prügelt die Mitknechte und den Meister, schlägt das Eisenentzwei und den Amboß in die Erde. Um sich seiner zu entledigen,schickt ihn der Meister zum Köhler 3) in den Wald. Er hofft nämlich,ein Drache, der in der Nähe des Köhlers haust, werde ihn verderben.Doch Seifrid hat den Wurm bald erschlagen und zieht weiter. Nochist er nicht beim Köhler angelangt, da kommt er in eine Wildnis, vollvon Drachen, Kröten, Ottern. Er reißt Bäume aus und wirst sie

1) Als besonderes Lied abgedruckt in der in der Sammlung Göschen( Nr. 1) von Golther herausgegebenen Auswahl aus dem NL.

2) Der hett bey seyner frawen Ein sun"( Str. 1, 5/6) lehnt sich wohl

eher an Str. 16 als an die angeführte Rosengartenstelle an.

3) Daß der Köhler in der Nähe des furchtbaren Drachen wohnt, ist merk-würdig genug. Verständiger erzählt þ, in der Sigfrid mit dem Auftrage aus-geschickt wird, selbst Kohlen zu brennen.