Die Entstehung und lagengeschichtlicheBedeutung des Seifridsliedes.
I.
Mehr und mehr hat sich in letzter Zeit die Erkenntnis Bahngebrochen, daß das Seifridslied, dieses Machwerk des 16. Jahrhunderts,altes Sagengut, wenn auch in junger, vielfach entstellter Form bietet.Gleichzeitig mit dieser Erkenntnis ist natürlich das Interesse für dieEntstehungsgeschichte des Liedes gewachsen und hat zu mehreren ein-gehenden Untersuchungen geführt, die aber ein gleiches Ergebnisnicht erzielt haben. Vielmehr stehen sich zwei Ansichten schroffgegenüber: nach der einen zeigt das Seifridslied deutliche Spureneiner größeren oder geringeren Zahl von Entwicklungsstufen; ¹) dieandere dagegen sieht in ihm ein von nur wenigen Zusäßen undÄnderungen eines um 1500 lebenden Bearbeiters entstelltes einheit-liches Werk des 13. Jahrhunderts.2)
Ein neues Ziel stecken sich also die folgenden Blätter nicht,sie wollen nur zur Klärung der Fragen beitragen, vor die dasSeifridslied die Forschung bisher gestellt hat. Voran gehe eine Inhalts-angabe des Mittelstücks. 3)
HSM erzählt folgendes:
Zu Worms am Rhein herrscht König Gibich. Seine Gattinhat ihm drei Söhne und eine Tochter namens Kriemhild geschenkt.
1) Golther in den Einleitungen zur 1. und 2. Auflage seiner Ausgabe,Halle 1889( mir leider nicht zugänglich) und 1911; Bernhöft„ Das Lied vomhörnernen Sigfrid", Rostocker Dissertation 1910.
2) Panzer, Studien zur germanischen Sagengeschichte II: Sigfrid, München1912, S. 1-55.
3) Folgende Abkürzungen gelangen zur Anwendung: HS= Lied vomHürnen Seyfrid und zwar M= Mittelstück( Str. 16-168), A= Anfang,E= Ende. NL= Nibelungenlied, p= pièrekssaga, KHM= Kinder- undHausmärchen.