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noch nicht persönlich erlebt, nicht individuell ausgeschmiedet, nicht dasErgebnis einer geistigen Verarbeitung und Umgestaltung der Wirklichkeitaus ihren eigenen Tiefen heraus. Vielmehr steht hier, wie auf denhöchsten Stufen der volkstümlichen Kleindichtung, ein ganz allgemeiner,allumfassender Wertgehalt im Hintergrunde der Darstellung. Wir be-zeichnen ihn am besten mit dem altdeutschen Ausdruck ,, der Wunsch",der bei uns eine engere, abwegige Bedeutung angenommen hat, dessenursprüngliche Bedeutung wir aber aus der mhd. Dichtung kennen unddessen ,, tiefere Meinung" J. Grimm scharf umrissen hat¹6).
Wie sehr echte Volksdichtung auf die Verwirklichung des ,, Wun-sches" in der Phantasie( oder auf die Klage über das Versagen desWunsches) ausgeht, zeigen am schönsten die kurzen Volks- und Kinder-reime im Tanzschritt, wie ,, Zu Ostern, zu Ostern, da schlachtet meinVater den Bock" oder„ Rosenstock, Holderblüt"; nicht immer betrifftder Wunsch das unmittelbare Hochgefühl( im Frühling, in der Zeiterwachender Liebe usw.). Oft treten Mittelwerte dafür ein, vor allemdas Komische und Drollige( wie in dem Kinderliedchen von der„ Bim-bambolischen Kirche"), das Tragikomische( bei dem ,, Schneider Kikeriki")oder das Sentimentale usw. Schon das reine Ausschwingen einer beson-deren Lebensstimmung ist ,, wunschgemäß" und findet die rechte Form.Nimmt schon in den Liedchen der ,, Wunsch" gern phantastische Formenan, so erst recht in der Prosaerzählung, wo ja der Reiz der bunten Bild-haftigkeit und der klingenden Vortragsform wegfällt. Um so reichermuß sich der Gehalt eben am Inhalt entfalten.
Da stehen sich denn zwei Gruppen von Erzählungen gegenüber,gleichsam mit umgekehrten Vorzeichen. Die Sage wurzelt im Gegebenenin der alltäglichen Welt, die freilich der Geheimnisse und der Fallstricke,der Verlockungen und Gefahren genug darbietet und die das Volk immernur mit einem gewissen Grauen ansieht. An der Wirklichkeit kann sichder ,, Wunsch" nur als Gegenzug entfalten: als etwas, das dauernd unter-drückt wird: durch die Feindseligkeit der andern Mächte, durch mensch-liche Gier oder Unvorsichtigkeit usw. Nur eben das starke Bewußtseindes ,, Andern", das uns täglich und stündlich umgibt und das unserm Lebenseine ,, besondere Note" und seinen ,, eigentlichen" Hintergrund gibt, bleibtimmer bestehen und verstärkt sich dauernd. Man kann diese Anschauung
16) J. Grimm, Deutsche Mythologie, 4. Bd., S. 114 ff.„ Den Inbegriff von Heilund Seligkeit, die Erfüllung aller Gaben scheint die alte Sprache mit einem einzigenWorte, dessen Bedeutung sich nachher verengte, auszudrücken, der hieß Wunsch. DiesesWort ist wahrscheinlich von wunja, wunniga, Wonne, Freude abstammend, wunisc,wunsc Vollkommenheit in jeder Art, was wir Ideal nennen würden."