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Müllenhoff's( Haupt's Zeitschrift für deutsches Alterthum Bd. X.) ziemlich ausnahmslosanerkannt 15). Während man nun einerseits, und wie ich glaube mit Recht, die mythischeSiegfriedsage als den Kern des Ganzen, die ganze Nibelungensage aber nur als eine Er-weiterung der ersteren betrachtet, wird andererseits der zweite Theil der Sage und zwarhauptsächlich, weil er einen geschichtlichen Hintergrund erkennen lässt, als die Grundlageder ganzen Sage angesehen, von der man sonach annimmt, dass sie erst später die mythischenSagenelemente an sich herangezogen habe, und dass auf diesem Wege die Ausbildungder ganzen Nibelungensage herbeigeführt worden sei. Diese Auffassung wird durch denCharakter des Nibelungenliedes insofern scheinbar begünstigt, als dasselbe auf diesenzweiten Theil der Sage allerdings grösseren Nachdruck legt, während der erste dagegen ver-hältnissmässig zurücktritt und fast nur wie ein Vorspiel dazu erscheint. Aber nicht seltenkommt es vor, dass der Kern einer Sage von Sagenelementen, die ihm ursprünglich fremdsind und sich erst nachträglich angesetzt haben, fast ganz überwuchert wird, und derCharakter, den die Sage im Nibelungenliede angenommen hat, darf uns daher nicht hin-dern, die Siegfriedsage als den wesentlicheren Theil derselben zu betrachten, zu dem sichder zweite Theil anfänglich eher wie ein blosses Nachspiel verhalten haben möchte.
Dass der zweite Theit schliesslich das Uebergewicht über den ersten erhielt, liegt.überdies schon im Wesen des dichterischen Kunstwerkes, zu welchem die Sage sich imNibelungenliede einheitlich abzuschliessen suchte, indem dasselbe eine Steigerung derWirkung bis zum Schluss erforderte, so dass nothwendig der Schwerpunkt der ganzenSage hier auf die erschütternde Schlusskatastrophe fallen musste. Auch musste die Sage
in diesem zweiten Theile schon in der volksthümlicheren Ueberlieferung an Bedeutung undPopularität gewinnen und derselbe in den Vordergrund des Interesses treten in Folge derBeziehung, in welche er zu Dietrich von Bern, dem weitaus volksthümlichsten Sagenhelden,trat, womit die ganze Nibelungensage gleichsam in den grossen Hauptstrom der Dietrich-sage einmündete.
Es ist aber nun doch, wie mir scheint, kaum abzusehen, wie eine rein geschicht-liche Sage, die dem tragischen Geschick eines burgundischen Herrscherhauses ein poetischesDenkmal setzen wollte, dazu gekommen sein kann, zu ihrer Ergänzung sich den Inhalt derSiegfriedsage vorzuschieben, etwa nur um diesen Untergang der im Liede zu feiernden Hel-den als einen selbstverschuldeten, als den Fluch einer Frevelthat erscheinen zu lassen.Jedenfalls natürlicher scheint mir die umgekehrte Annahme, dass von der Siegfried-sage die Initiative zu ihrer Verschmelzung mit der geschichtlichen burgundischen Sage aus-gieng, indem der ursprüngliche Abschluss derselben, der dem zu Grunde liegenden My-thus ganz gemäss war, der vorzugsweise von ethischen Motiven beherrschten Heroensagenicht mehr genügte, sei es nun, dass die Nemesis nicht ausbleiben durfte für die Ermor-dung Siegfrieds, sei es dass der Fluch des Goldes noch weiter fortwirken sollte 16). Auchsind die den beiden Sagenhälften gemeinsamen Hauptfiguren, Gunther, der Gemahl dermythischen Brunhild, Kriemhild, die Gemahlin Siegfrieds, und Hagen, der Mörder, der schonvon Karl Lachmann wohl im Grunde richtig aufgefasste mythische Gegensatz des gött-lichen Helden, die in der ausgebildeten Nibelungensage als die Burgunden vorgeführtwerden, viel zu wesentliche Factoren der Sage von Siegfried und sind viel zu tief in dasmythische Element derselben verwickelt, als dass sich annehmen liesse, sie seien erstnachträglich aus einer burgundischen geschichtlichen Sage mit in die Siegfriedsage über-gegangen. Der burgundische König Gunther, auf den der zweite Theil der Sage hinweist,ist allerdings geschichtlich beglaubigt; aber der Gunther der ursprünglichen Siegfriedsage
15) Nur Raszmann vertritt auch jetzt noch die früher schon von Wilhelm Grimm gehegte Meinung,dass der Etzel unserer Sage von Haus aus nicht der weltberühmte Sohn Mundzuk's, sondern ein niederdeutscherStammesfürst gewesen sei, der in Soest, wo sich die Sage in Norddeutschland allerdings sehr frühzeitig localisirthaben muss, seinen Sitz gehabt habe, und dass er erst später dem geschichtlichen Attila gleichgesetzt16) Das erstere Motiv ist das vorwiegende in der deutschen Sage, das zweite in der nordischen.
worden sei.