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Vorwort zu einem kritischen Versuch über die mythischen Grundbestandtheile der Nibelungensage
Entstehung
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XII

wird, dass sie ausschliesslich auf Geschichte beruhe, das heisst, dass das, was sie aus dergeschichtlichen Ueberlieferung aufgenommen, in ihrem anfänglichen Bestande ihren alleinigenstofflichen Inhalt ausgemacht habe.

Wenn sich nun aber die im Vorstehenden entwickelte Ansicht von dem Bildungs-process der Heldensage bewährt, so gelangen wir nothwendig zu dem schon anfänglichausgesprochenen Resultat, dass die mythischen Bestandtheile einer an die Geschichte an-gelehnten Sage nicht als etwas Secundäres, als ein dem Stamm der Sage sich ansetzendesparasitisches Gewächs anzusehen sind, sondern dass wir sie vielmehr in gleicher Weisewie die durch die Geschichte etwa gegebenen inhaltlichen Bestandtheile als bei der Bildungder Sage schon mitbetheiligte und zwar sehr wesentlichen Antheil nehmende constitutiveElemente zu betrachten haben. Dann werden wir sie aber auch so gut wie die der Sage zuGrunde liegenden Ueberlieferungen geschichtlichen Inhalts als Grundbestandtheileder Sage bezeichnen dürfen.

Freilich tritt das Geschichtliche in einigen Sagen mehr hervor, als in anderen,in denen es oft kaum mehr bemerkbar ist, und so möchte man ja immerhin solche Sagen,bei denen man findet, dass das auf die Geschichte hinweisende Element von ausgesprochenerBedeutung darin ist, als geschichtliche Sagen bezeichnen. Nur muss man damit nochnicht behaupten wollen, dass die betreffende Sage auf dem geschichtlichen Boden, denetwa die epische Dichtung oder auch nur der Volksmund ihr anweist, wirklich erwachsensei. Denn dieses ist durchaus nicht ohne Weiteres aus dem blosen Vorhandensein solcheran Geschichtliches anknüpfenden Factoren zu schliessen, sondern es lässt sich auch derumgekehrte Fall denken, dass das, was in der Sage sich für geschichtlich ausgiebt 5), erstin späterer Zeit in dieselbe hineingetragen worden ist, indem die Sage, von Haus ausaller geschichtlichen Bezüge entbehrend, in der Folge aber an die Namen geschichtlichbekannter und gefeierter Personen und an geschichtliche Ereignisse anknüpfend, ihrenvöllig sagenhaften und ursprünglich sogar mythischen Inhalt auf einen bestimmten geschicht-lichen Boden und auf bestimmte geschichtliche Verhältnisse übertrug und fernerhin dannvielleicht auch in grösserer Ausdehnung geschichtliche Sagenelemente in sich aufnahm undsich mit geschichtlicher Sage förmlich verschwisterte, wodurch sie dann mehr oder minderden Charakter geschichtlicher Sage annehmen musste. So wird man sich etwa den Hergangbei der Entstehung und weiteren Fortbildung der Nibelungensage zu denken haben.Die Möglichkeit eines solchen Verhaltens des Geschichtlichen zu dem nur Sagen-haften und Mythischen in der Sage erhellt schon aus den im Vorhergehenden gegebenenallgemeinen Andeutungen über die Natur der Sage und über ihre Wandlungsprocesse.Der thatsächliche Beweis, der eine unverhältnissmässige Ausführlichkeit beanspruchenwürde, kann hier nicht geliefert werden. Es soll hier nur in Kürze noch darauf hinge-wiesen werden, dass eine solche nachträgliche Anlehnung der Sage an die Geschichte nichtallein möglich, sondern dass sie vielmehr ganz natürlich ist, und dass wir uns daher nicht.wundern dürfen, wenn sich zeigen sollte, dass sehr viele, vielleicht sogar die meisten der-jenigen Sagen, die sich auf einen geschichtlichen Schauplatz stellen, in der That derMythenwelt entstammen, und dass sie somit nur scheinbar auf Geschichte beruhen, indemihr geschichtlicher Charakter nicht ein wirklich und ursprünglich ihnen zukommender,sondern nur ein erborgter ist. Wie die geschichtliche sagenhafte Ueberlieferung sichnaturgemäss dem poetischen Elemente des Mythischen nähert, um allmälig immer völligerdamit zu verschmelzen, so sucht sich umgekehrt das mythische Sagenelement ganz natur-gemäss an die Geschichte, überhaupt an das Leben, an die Wirklichkeit anzuschliessen,um selbst dadurch an Lebendigkeit und Realität zu gewinnen. Wenn einmal der mythischeGedanke, der einst den Naturmythus belebte, dem Bewusstsein einer den vormaligen

5) Es ist natürlich nur gemeint, was sich uns gegenüber bei der Prüfung ihrer Factoren dafür aus-giebt: denn an sich giebt sich die Sage ja durchaus als Geschichte, indem sie eben so gut auch für das Mythische,auch für das Wunderbarste, den Charakter der Thatsächlichkeit in Anspruch nimmt und den Glauben derHörer voraussetzt.