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Vorwort zu einem kritischen Versuch über die mythischen Grundbestandtheile der Nibelungensage
Entstehung
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Es scheint, dass man bei der Grundansicht, dass die Sage im Wesentlichen aufGeschichte beruhen müsse, insgemein vorzugsweise die grossen Heldensagen im Auge hat,wie sie in der epischen Dichtung einiger Völker vorliegen. Aber auch in Bezug auf dieseSagen wird die Behauptung, wenn sie allgemein giltig sein soll, doch mindestens daraufzu reduciren sein, dass man nicht eigentlich von geschichtlicher Grundlage, sondernhöchstens von einem geschichtlichen Hintergrunde, ja öfters wohl auch nur von ge-schichtlichen Anlässen zur Sagenbildung reden sollte. Diese sind allerdings anzunehmen.Denn das nationale Epos setzt ein gehobenes Nationalbewusstsein, es setzt ein helden-mässiges, thatenvolles, ein in hohen Wogen gehendes nationales Leben voraus; die Nationmuss selbst heroisch gestimmt sein, wenn die heroische Sagenpoesie gedeihen soll, undgrosse geschichtliche Eindrücke und Erlebnisse müssen die Dichterkraft entbinden. Indiesem Sinne war das heroische Epos der Griechen die Blüthe eines jugendlichen Helden-alters der Nation; in diesem Sinne bildeten die Kämpfe der Kauravas und Pandavas inIndien den geschichtlichen Hintergrund zu dem Kerne des indischen Riesenepos, die blutige,nimmer ruhende Völkerfehde der Stämme von Iran und Turan erweckte die persischeHeldensage; und so lag der grosse geschichtliche Impuls zur Entwickelung des deutschennationalen Heldengesanges in den welterschütternden, grossen Bewegungen und Kämpfender Völkerwanderung. Aber diese geschichtlichen Einflüsse sind doch immer sehr allge-meiner Natur und wirken weit mehr anregend, als eigentlich inhaltgebend auf die Sageein. Sie sind unstreitig ein Ferment der sich bildenden Heldensage; aber der stofflicheInhalt der Sage erweist sich bald als ein aus sehr verschiedenartigen Elementen zusammen-gesetzter, unter denen die rein geschichtlichen verhältnissmässig zurücktreten. Betrachtetman aber nun den Aufbau einer solchen Sage, untersucht man die Stellung und Bedeutungder einzelnen Elemente in dem Organismus derselben, fragt man, in welchen wechsel-seitigen Beziehungen die einzelnen Theile der Sage zu einander stehen und wie sie durcheinander bedingt sind, so stellt sich heraus, dass keineswegs alles das, was nicht historischdaran ist und überhaupt gar keinen Zusammenhang mit dem geschichtlichen Hintergrundeder Sage haben kann, erst nachträglich an eine schon zuvor ausgebildete rein geschicht-liche Grundgestalt der Sage sich angesetzt haben könne. Man mache nur den Versuch,sich die schlechterdings ungeschichtlichen Bestandtheile aus einer solchen Sage hinwegzu-denken, um zu sehen, ob dann noch etwas übrig bleibt, was den wesentlichen Inhalt einerrein geschichtlichen Sage je gebildet haben könnte, und man wird sich überzeugen, dassein beträchtlicher Theil derartiger durchaus ungeschichtlicher Sagenbestandtheile mit densogenannten geschichtlichen so zu sagen solidarisch verbunden ist, dass diese demnach vonwesenhafter, grundlegender Bedeutung für die Sage sind und also auch schon von Hausaus zu dem Bestande derselben gehört haben müssen.

Aber es zeigt sich nun auch, dass die Frage, ob die historischen oder die mythischenBestandtheile als das Ursprünglichere zu betrachten seien, in dieser Fassung überhauptunstatthaft ist, wenn die sogenannten geschichtlichen Sagen der epischen Heldendichtungin Betracht kommen. Denn es handelt sich ja offenbar durchaus nicht allein um die ein-fache und unmittelbare Verknüpfung einer geschichtlichen Ueberlieferung mit einem vonseinem Naturgrunde abgelösten sagenhaft gewordenen Mythus. Die volksthümliche Ueber-lieferung von geschichtlichen Thatsachen verbindet sich bei der Bildung der Heldensagenicht unmittelbar mit Naturmythen oder solchen einfachen Erzählungen rein menschlichenInhaltes, die unmittelbar aus Naturmythen abzuleiten sind, sondern sie verbindet sich mitsolchen bereits ausgebildeteren Sagen, die ihrerseits selbst schon aus der Verbindungälterer, gleichfalls schon zusammengesetzter Sagenproducte hervorgegangen sind.

Man darf nur nicht vergessen, dass die Sage überhaupt nicht blos in der epischenDichtung, sondern dass sie zunächst immer als einfacher Erzählungsstoff auf den Lippendes Volkes lebt, und dass alle epische Dichtung immer wieder aus diesem nimmer ver-siegenden lebendigen Urquell schöpft. Man darf nicht vergessen, dass es neben den grossenHeldensagen, an die man zuerst zu denken pflegt, wenn im Allgemeinen von Sagen die