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Misscredit zu bringen. Diese nachtheilige Folge wissenschaftlicher Voreingenommenheitkann aber um so weniger ausbleiben, als der Angriff, wie zu erwarten, mit den glänzend-sten und geschärftesten Waffen geistreichen Spottes ausgeführt ist.
Mit allem Nachdruck wird in dem die Ursprünge des deutschen Volksepos behan-delnden Abschnitte des genannten Werkes die Behauptung geltend gemacht, dass sowohldie poetischen selbst, wie auch die historischen Zeugnisse über die Entwickelung derdeutschen Heldendichtung uns überall mit grosser Entschiedenheit zu der Zurückführungder deutschen Sagenwelt auf einen historischen Grund und Boden anweisen. Wenn derVerfasser hierauf wie zur Rechtfertigung seiner ganz offen bekannten Verschmähung allerErgebnisse der Mythenforschung auf dem Gebiete der deutschen Heldensage den allge-meinen Satz ausspricht, dass man die Neigung zur Herleitung aller Sage aus der Geschichteunter allen Umständen bei dem Geschichtschreiber werde begreifen, ja voraussetzenmüssen, so ist die oben erwähnte Einseitigkeit des fachmännischen Standpunktes hier sogareingestanden und man darf fast sagen, zum wissenschaftlichen Princip erhoben. Wäre es nichtrichtiger gewesen, statt dessen ungefähr zu sagen, dass der Historiker, weil er gerade fürdie historische Seite der Sage am meisten interessirt ist, und weil er in dem Geschicht-lichen, das hier in Betracht kommt, ganz zu Hause ist und dieses fortwährend im Augehat, während das Mythische seinem Gesichtskreis ferner liegt, bei der Betrachtung derSage begreiflicher Weise leichter versucht sein wird, die Bedeutung des historischen Mo-mentes in dem Entwickelungsprocess der Sage zu überschätzen, die des mythischen Ele-mentes hingegen zu verkennen oder sich sogar grundsätzlich dagegen zu verschliessen?
Wenn nun das Verhältniss und die Bedeutung der Factoren, aus denen unsereSage gebildet ist, möglichst unparteiisch und vorurtheilsfrei erwogen werden soll, so könntees zunächst den Anschein haben, als ob auch noch andere nicht minder wesentliche Fac-toren ausser den mythischen und historischen zu berücksichtigen seien und besonders da zuberücksichtigen seien, wo weder ein mythischer, noch ein historischer Anknüpfungspunktsich darbietet. Es könnte darauf hingewiesen werden, dass doch vor Allem ein ethischerGehalt der Heldensage anzuerkennen sei, dass sie ein Spiegel des Volksgeistes sei, dassdas innere Leben und Wesen des Volkes darin eine dichterische Gestalt gewinne. Undferner könnte man fragen: Soll denn Alles, was die Dichter bringen, aus der geschichtlichenTradition und aus der Mythenwelt zusammengetragen sein? Haben wir es denn nicht mitPoesie zu thun? Und könnte die Sage demnach nicht auch in ganz wesentlichen Bestand-theilen eine Schöpfung freier dichterischer Erfindungskraft sein?
Gewiss ist weder das ethische noch das poetische Moment bei der Betrachtung derSage, wie sie uns zumal in der Dichtung begegnet, zu unterschätzen, und wer wollteleugnen, dass sie die Seele der epischen Dichtung sind und dieselbe von Anfang bis zuEnde durchdringen? Aber wenn es zu ermitteln gilt, was den rein epischen Inhalt aus-macht, welcher in der Dichtung zur Darstellung kommt, wenn es sich also nur um denepischen Stoff, den die Dichter vorfanden, handelt, und dieser rein substantielle Gehalt derSage zu analysiren ist, da kommen jene beiden Factoren kaum in Betracht. Denn erstlichbildet ja das Ethische nicht einen selbständigen, materiellen Bestandtheil des Sageninhaltes,sondern kommt doch eben nur an einem bestimmten epischen Inhalte zum Ausdruck, in demder überlieferte Stoff zum Träger des ethischen und überhaupt ideellen Gehaltes der Dich-tung gemacht wird, stellt sich also nicht in der Sage als ein selbständiges Element nebendie übrigen. Es kann daher auch bei der Bildung des substantiellen Inhaltes der Sagenicht als ein selbständig mitwirkender Factor betheiligt sein. Die dichterische Erfindungaber bethätigt sich anerkanntermassen bei allen Völkern, die sich je einer nationalenepischen Dichtung erfreuten, in dieser Gattung der Poesie nicht sowohl im stofflichen Ele-mente selbst, als vielmehr nur in der Behandlung und dichterischen Verwerthung desStoffes. Der Stoff aber beruht auf volksthümlicher Ueberlieferung, und die epische Dich-tung hält im Wesentlichen treu am Ueberlieferten fest. Der einzelne Dichter behandleseine Aufgabe mit echtestem poetischen Geiste, er lege hinein, so viel er mag, aber die