- 9 9-
nordische Feuergott unter der Erde verborgen war, der Zeit entspricht, in welcher nachgriechischem Mythus die Menschen das Feuer, das Zeus ihnen entzogen hatte, entbehren mussten.Heranzuziehen ist hier der indische Mythus von Matariçvan, der, wie schon Roth erkannteund Kuhn ausführlich gezeigt hat( S. 5. ft.) ,,, klar sich dem Feuerraub des Prometheus zurSeite stellt"( S. 18). ,, Matariçvan( in matre crescens), ein göttliches oder halbgöttlichesWesen, holt den Agni, da er von der Erde verschwunden war und sich in eine Höhle ver-verborgen hatte( vgl. damit Lokas. 23,5 vartu fyr ioro nedan), von den Göttern zurück und ver-leiht ihn den Bhrgu, einem der ältesten Priestergeschlechter, oder dem Manu, dem Menschenschlechthin oder dem ersten Menschen"( S. 5, vgl. dazu oben S. 8, Anm. 1).
Hier scheint, wie in dem griechischen Mythus, der Feuerbringer von dem Feuer oderFeuergott unterschieden. Doch thatsächlich fällt Mâtariçvan mit Agni zusammen, wie auchPrometheus im Grunde nur der herabfahrende Feuerstrahl selbst ist( Kuhn 234 f.). Agni selbstwird Matariçvan genannt( Kuhn 7). Das Zurückbringen des von der Erde verschwundenen oderden Menschen entzogen en Feuers anf die Erde durch Mâtariçvan- Prometheus besagt nichts anderesals die Rückkehr des von der Erde verschwundenen Loki d. i. Logi des Feuers.1)
6. Narthex- Mistilteinn. Im Mythus vom Feuerraub des Prometheus spielt der Narthexeine wichtige Rolle. Er war nach A. Kuhns Ausführung( Herabk. 24. 254) ursprünglich nichtdas Behältnis, das den göttlichen Funken barg, sondern der Zweig oder Stab, durch dessenDrehung Prometheus das Feuer entzündete und durch den er es zur Erde herab brachte, zuvergleichen dem indischen pramantha( Vergl. oben S. 8, Anm. 1), dem Zweige des açvattha,einem mistelartigen Gewächs, das im Atharvaveda als feind vernichtender Blitz, als Verkörperungdes Agni gefeiert wird( Vergl. Kuhn, Herabk. 197 f. 224 f. Weinhold, Beiträge zu den d. Kriegs-altertümern, Sitz. Ber. d. Beri. Ak. d. W. 1891, S. 563). Dem Narthex und seinen altindischenVerwandten setze ich den mistilteinn an die Seite, dessen Schönheit Voluspá 32 preist.2) DerMythus von Baldrs Tötung hat die Beziehung der Mistel auf Loki gewahrt. Diese Germanenwie Kelten heilige Pflanze ,,, die man vom Himmel auf die Äste hehrer Bäume, zumal der Eicheund der Esche, niedergefallen wähnte"( Grimm, M. 1008), die in Schweden, an der Decke derBauernstube angebracht, Haus und Hof vor Fenersgefahr schützen soll( Kuhn, Herabk. 232), derDonnerbesen, wie sie in der Schweiz genannt wird, ist gleich dem Narthex die Verkörperungdes Blitzes, des vom Himmel zur Erde herabfahrenden, wie des durch Reibung hervorgerufenenirdischen Feuers. ,, Man dachte sich das himmlische Feuer in der Wolke in derselben Weiseentstehend, wie man das irdische im Leben zu erlangen gewohnt war"( Kuhn 253). Wie Kuhn( 38-42) nachgewiesen hat, war es in indogermanischer Zeit das Holz eines Schling- oderSchmarotzergewächses, welches als vorzüglich geeignet zur Erzeugung des Feuers mittelst Reibungoder Drehung betrachtet wurde. Allerdings finden wir die Mistel weder im germanischen Nordennoch in Deutschland zu solchem Zweck( vgl. die Erzeugung des Notfeuers) verwandt, wozu siesich auch schwerlich eignen würde. Hölzer, die man mit der Zeit als tauglicher dazu kennenlernte, traten naturgemäss früh an die Stelle von Schmarotzergewächsen. Als man das Feuer längst aufandere Weise zu gewinnen verstand, als die Erkenntnis des Zusammenhangs eines dem Feuergottheiligen Gewächses mit der ursprünglichen Art der Feuererzeugung verloren gegangen war, konnte derMythus von einer uns unbekannten Schmarotzerpflanze auf ein ähnliches Gewächs, das zur Feuer-erzeugung gar nicht verwendbar war, übertragen worden sein. Ja, diese Übertragung war beiVeränderung der Wohnsitze und hierdurch der Flora kaum zu vermeiden. Der Narthex inder Hand des Prometheus, der mistilteinn in der des Loki, diese Parallele glaubeich als letzte und nicht unwichtigste den Ergebnissen meiner Untersuchung beifügen zu dürfen.
1) Simrock, Myth, ³ 110 vergleicht den achtjährigen Aufenthalt des Loki unter der Erde dem neunjährigenAufenthalt des vom Olymp geschleuderten Hephaistos im Okeanos bei Eurynome und Thetis( 11. 18, 395-405).Da Hephaistos im Grunde nur ein verjüngter Prometheus ist( vgl. oben S. 4. Anm. 4). so könnte dieser Mythusderselben Quelle entsprungen sein. Weinhold( Z. f. d. A. VII, 18) vergleicht ihn dem eddischen Bericht von demals Lachs im Wasserfall sich bergenden Loki.
-
2) Stóð um vaxinn vollum hæri miór ok mięk fagr mistilteinn. Vgl. auch Baldrs draumar 9. DieserPreis des Baldr tötenden Gewächses ist auffallend, Gylfaginning 49 kennt solches Lob nicht. Auf Inseln imMälarsee soll die Mistel( Viscum album) bis zu drei Ellen Länge wachsen. Sicher ist, dass der oft einige Fusshohe Strauch fusslange Zweige treibt( E. Hallier, Flora v. Deutschland 5. Aufl. 1882, IX, 36.) Der Narthex( ferula) ist eine hoch wachsende Doldenpflanze mit leichtem, markvollem Stengel.