Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit
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Begierden nachgehe, sehe„ abgelebt" aus. Als in den ersten Jahren derFrauenbewegung die Forderung nach Keuschheit vor der Ehe auch für dasmännliche Geschlecht erhoben wurde, hat es tatsächlich junge Männergegeben, die sich bemüht haben, die Konsequenzen der neuen Anschauungauf sich zu nehmen und sie boten keineswegs das traurige Bild, dasStrindberg von einem Jüngling entworfen hat, der das Gelübde der Ent-haltsamkeit, das er seiner sterbenden Mutter gegeben hat, nicht brechenwill, sondern sie haben ihre Jugend verlängert.¹
Ähnliches kommt in der Novelle„ Der kleine Herr Friedemann"von Thomas Mann zum Ausdruck. Der Held der Erzählung, der kleineHerr Friedemann, ist verwachsen, und als er mit sechzehn Jahren eineEnttäuschung erlebt hat, entschließt er sich, der Liebe für immer zu ent-sagen und sich durch andere Genüsse zu entschädigen, die das Leben ver-schönern können. Er freut sich still an der Kunst und der Natur undfriedlich vergehen die Jahre. So kommt der dreißigste Geburtstag.„ Anseinem dreißigsten Geburtstage, einem hellen und warmen Junitage, saßer nach dem Mittagessen in dem grauen Gartenzelt mit einer neuenNackenrolle, die Henriette ihm gearbeitet hatte, einer guten Zigarre imMunde und einem guten Buch in der Hand. Dann und wann hielt er dasletztere beiseite, horchte auf das vergnügte Zwitschern von Sperlingen, diein dem alten Nußbaum saßen und blickte auf den sauberen Kiesweg, derzum Hause führte und auf den Rasenplatz mit den bunten Beeten.
Der kleine Herr Friedemann trug keinen Bart, und seinGesicht hatte sich fast gar nicht verändert; nur daß die Zügeein wenig schärfer geworden waren." Wenn wir uns nun fragen,warum die Jahre fast spurlos an dem kleinen Friedemann vorübergegangensind, so dürfen wir wohl antworten, daß eine der vorhin angeführten Be-dingungen, hier die Abkehr von der Erotik, zutrifft. Die hochgradige Subli-mierung, der der kleine Friedemann so viele Freuden verdankt, scheinteine Folge dieser Abkehr zu sein, aber vielleicht ist umgekehrt eine solcheBescheidenheit in erotischen Dingen nur bei Menschen möglich, die vonvornherein die Anlage zur Sublimierung besitzen. Sehr erwähnenswert istauch, daß der Held der Novelle in hohem Maße der Einwirkung.des Mutterkomplexes unterworfen ist.„ In seinem einundzwanzigstenJahre starb nach langem Leiden seine Mutter. Das war ein großer Schmerzfür Johannes Friedemann. Er genoß ihn, diesen Schmerz, er gab sich ihm
1) Vgl.„ Asra" von Strindberg( übersetzt von Emil Schering) in„ Heiraten".