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Dr. Alice Sperber
welches das Phantasieleben der meisten Frauen fast ausschließlich be-herrschte. Die Möglichkeit, die bewußte Phantasie anders zu beschäftigen,war gering. Die belletristische Literatur, die den Frauen zur Verfügungstand, wandelte ohnedies mehr oder weniger dieselben Themata ab. Dassoziale Gewissen schlief und wenn die Wohltätigkeit in das Leben dieserFrauen trat, deren seelische Not Gabriele Reuter in ihrem Buch„ Aus
guter Familie" mit so ergreifender Wahrhaftigkeit geschildert hat, sogeschah es wiederum nurnur auf dem Umwege über Balltoiletten undKränzchen. Künstlerische Begabung war nur wenigen Glücklichen ver-liehen und wissenschaftliche Interessen galten als unweiblich. Auch dieAblenkungsmöglichkeiten durch den Sport waren in bürgerlichen Kreisennicht sehr groß und die Folge aller dieser Umstände war, daß die erotischenPhantasien in eine Temperatur gerieten, die dem verhältnismäßig raschenAusreifen der Seele und offenbar auch dem des Körpers günstig war. Dem-gegenüber war eine neue Generation in den Kampf ums Dasein einge-treten, die zu der anderen in mehr oder weniger scharfem Gegensatz stand.Allerdings gab es unter den studierenden Frauen der neuen Richtung eineAnzahl, die sich ziemlich gedankenlos auf die Prüfungen vorbereiteten undsich in ihrer Mentalität wahrscheinlich nicht nennenswert von der bisherüblichen Schablone unterschieden, andere aber befanden sich im Zustandeeiner sehr radikalen Sublimierung. Sie strebten nicht nur nach wirtschaft-licher, sondern auch nach innerer Freiheit, machten die Sache des weib-lichen Geschlechtes zu ihrer eigenen und wollten sich mit allen Problemenihrer Zeit auseinandersetzen; kein Wunder, daß der Gedanke an die sexuelleMission des Weibes Glossar ::: zum Glossareintrag Weibes weniger ausschließlich das Phantasieleben dieser Frauenbeherrschte, als es bei dem anderen Typus der Fall war. Und war es untersolchen Umständen nicht natürlich, daß diejenigen, die durch ihre für diedamaligen Begriffe abnorm verlängerte Schulzeit, ihr heftiges Streben nachEntwicklung und Erkenntnis und ihren Radikalismus an Kinder erinnerten,später alterten, als jene, die sich in ihren Phantasien schon längst alsHausfrau und Mutter sahen oder es frühzeitig auch schon geworden waren?Übrigens hat mir auch eine Frau der älteren Generation, deren Jugend-lichkeit in den verschiedenen Stadien ihres Lebens oft aufgefallen ist,erzählt, der Wunsch, nur recht bald erwachsen zu sein, habe in ihrerKindheit keine Rolle gespielt, vielmehr habe sie immer gewünscht, nurrecht lange ein Kind zu bleiben, was um so auffallender war, als zweireizende ältere Schwestern sich bereits gesellschaftlicher Erfolge freuendurften. Für die Betreffende wie auch für einige andere Frauen der älteren