Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit 17
jährigen Schülerin. Sie( nämlich die Lehrerin) sagt:„ Vorhin in der Unter-grundbahn war ein kleiner Junge, der schleifte seine Fahne immer hintersich. Die Mutter sieht zu, ohne etwas zu sagen. Ich sage: aber Junge, sonimm doch die Fahne hoch! Er sieht mich mit dummen Augen an, undich fahre fort, ihm klar zu machen, daß er die Fahne nicht so schleifendürfe. Ach! und ihr Mädels nehmt die Fahne auch nicht in die Hand,man könnte fast verzweifeln an euch." Da erzählte ich ihr, was Anni undHilde mir gesagt hatten, daß sie jung sein wollten usw. Da war siefurchtbar niedergeschlagen. Ich glaube, daß sie das sehr enttäuscht hat.Dann gingen wir in die Post.. Währenddessen erzählte ich ihr von heutedie Geschichte mit dem Lesebuche. Sie riet mir, doch so anständig undhöflich zu sein, wie ich es vermöchte. Ich erzählte ihr auch von HildesBetragen in der Religionsstunde. Sie meinte immer noch, daß sie FräuleinLind doch lieb hätte. Ich erwiderte ihr aber das Entgegengesetzte.
Wir sprachen dann noch vom Studieren. Sie meinte, daß die-jenigen länger jung wären, die studieren. Das fand ich auch."
Es ist nicht ganz klar, was Anni und Hilde meinten, wenn sie sagten,daß sie jung sein wollten usw. Es könnte aber sein, daß die jungenMädchen meinten, sie wollten durch gesellschaftliche Vergnügungen ihreJugend genießen, wohl mit einer Spitze gegen die Anforderungen derSchule, worauf die enttäuschte Lehrerin dann mit der Bemerkung reagierte,daß diejenigen, die studieren, länger jung bleiben.
Der oberflächliche Beobachter könnte darin ein Gegenargument gegenjene Hygieniker sehen, die davor gewarnt hatten, die Frauen durch dasStudium zu belasten, ob mit Recht oder Unrecht soll hier nicht erörtertwerden, doch will ich bemerken, daß eine derartige Argumentation nichtzutreffend wäre, denn eine gewisse Jugendlichkeit oder Kindlichkeit derErscheinung und des Geistes muß keineswegs mit der Gesundheit desKörpers und der Seele Hand in Hand gehen.
Ich vermute, daß eine derartig langsame Entwicklung und langandauerndeJugendlichkeit von einer langsamen Entwicklung in sexueller Beziehungabhängig ist. Für den Durchschnittstypus der weiblichen Generationen, dieder Frauenemanzipation vorangingen, war die Erotik in höherem Gradeder Hauptinhalt des Daseins gewesen als bei jenen anderen Frauen. DieErforschung der verbotenen sexuellen Geheimnisse, der Wunsch, möglichstrasch die Kindheit zu überwinden, um nur recht bald die gefeierte Damezu spielen, der Ehrgeiz, früher zu heiraten als die Freundinnen, um sichin der Würde der Hausfrau und Mutter zu sonnen, das war das Programm,
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