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Otto Weinreich
Zauber und Weissagung. Etwas mehr könnte man an Details für heilige,typische, unheilvolle Zahlen erwarten, auch mikro- makrokosmischer Aber-glaube tritt nicht hervor, wohl weil tatsächlich unentwickelt. Bei circum-ambulatio( 337) vermißt man den Hinweis auf Knuchel( vgl. oben Bd. 20,S. 473). Auch in diesem Band ist die bildliche Ausstattung zu rühmen.10. Von der Schwäbischen Volkskunde, die Lämmle im Bund mitBohnenberger, Seemann, Kapff, Mönch u. a. verfaßt, liegen mir nurdie ersten Bändchen vor.¹ Aus heut noch lebendigem Sprichwortgut und Lieder-schatz bringt Lämmle etwas über 1200 bzw. 100 charakteristische Proben( dieLieder meist mit Melodie). Zwar ist nicht alles spezifisch schwäbisch, vielesauch in älteren Sammlungen schon enthalten; das Ganze soll auch mehrAnthologie als Thesaurus sein, in erster Linie der Verlebendigung des Volks-tums, in zweiter erst der Wissenschaft dienen. Mit Genugtuung bucht derReferent aber auch hier( wie oben Bd. 22, S. 325 bei Naumann) den prinzipi-ellen Satz Lämmles( I S. 11): ,, Man wird im Lager der Gegner der humanisti-schen Schule in uns keine Bundesgenossen finden. Denn wir wissen, daß das,was zur Erhaltung und Vertiefung unseres Volkstums geschah, meist durch dieMänner humanistischer Bildung geschah. Diese Bildung führt bewußt und ziel-gemäß zur Erkennung, Pflege und Vermehrung der menschlichen Kraft und da-mit auch zur Vermehrung der Kräfte der Heimat und des Volkes. Sie erkenntund erstrebt bewußt das, was die Besten eines Volkes aus innerem Trieb wol-len und müssen."
V. VOLKSKUNST
11. Über Volkskunst, d. h. über unpersönliche Bauernkunst imGegensatz zur individuellen städtischen Kunst, hat Spieß eine zusammen-fassende Arbeit geliefert. In drei Abschnitten behandelt er Stoff undVerarbeitung( Holz, Weberei, Töpferei, Glas, Metall), Inhalt und Stil,alles mit lehrreichen und charakteristisch ausgewählten Proben. DieAbbildungen sind meist befriedigend, z. T. aber so klein( vgl. z. B. S. 35,65 u. a.), daß sie kunstgeschichtlichen Ansprüchen nicht genügen. MitGenugtuung beobachtet man, daß Spieß sich keineswegs auf Registrie-rung von Formen und Motiven beschränkt, sondern historisch ihren Vor-stufen nachgeht und ihren Sinn aufzuweisen sucht. Prähistorische, alt-orientalische Glossar ::: zum Glossareintrag orientalische, kretisch- mykenische, altgriechische, etruskische, byzanti-nische Zeugnisse bildender Kunst werden mit art- oder formverwandtenErzeugnissen der Volkskunst zusammengestellt. Da könnte noch weitergegangen werden: zu den Fischschüsseln S. 123 mit dem Fischdrillingkönnte man unteritalische Keramik heranziehen, S. 117ff. zu den Ge-
1 Schwäbische Volkskunde. Im Auftrag d. Württemb. Kultusministeriums...hrsg. v. A. Lämmle. I. Buch: Der Volksmund in Schwaben, I. Reihe. II. Buch:Die Volkslieder in Schwaben, I. Reihe. Stuttgart 1924, Verlag Silberburg, 102,117 S.
2 K. Spieß Bauernkunst, ihre Art und ihr Sinn. Grundlinien einer Ge-schichte der unpersönlichen Kunst(= Deutsche Hausbücherei). Wien 1925,Österreichischer Bundesverlag. 296 S. mit 149 Abb.