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Das Geschenk der Lebensjahre
Entstehung
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ALBERT WESSELSKI

Gott erfüllen, wenn ihm sein Vater, der noch dreißig Jahre zu leben hat,die Hälfte davon abgibt; der Vater aber sagt, er gebe ihm nicht einen Tag.Wieder geht der Heilige zu dem Schöpfer, wieder willigt der Schöpfer ein,diesmal unter der Bedingung, daß ihm die Mutter von ihren vierzig Jahrendie Hälfte abtritt; aber auch sie weigert sich: ,, Von meinen vielen Jahrengebe ich dir kein Stündchen." Da sagt Gott, die Liebste solle ihm von ihrendreißig Jahren die Hälfte überlassen, und sie antwortet dem Bräutigam:,, Meine Jahre sind genug für dich und für mich!"

Mit diesem Auszuge könnten wir alle Überlieferungen dieser und ähn-licher Art in gebundener und in ungebundener Rede als erledigt betrach-ten, wäre nicht der Versuch gemacht und wiederholt worden, vor allemaus ihnen die Sage von Alkestis und Admetos, wie sie Euripides in der vonihm so genannten Tragödie behandelt hat, in ihrem vorliterarischen Inhaltzu erschließen, d. h., das ,, alte Märchen" wiederherzustellen, aus dem dieSage und damit auch das Drama abzuleiten wäre. In dem Grundsätzlichenhabe ich mich über derlei Unterfangen schon in meinem Versuch einerTheorie des Märchen( 1931), 56 f. und 143-150 geäußert, und so erübrigtsich eine prinzipielle Erörterung der zwei Abhandlungen, von denen dieältere von Albin Lesky, 1) die andere von G. A. Megas herrührt; 2) leideraber hat Megas, der gleichwohl über die Darlegungen seines Vorgängersden Stab bricht, die eigenen Thesen mit einem Material zu stützen ver-sucht, das dieses Gebäude trotz seiner Luftigkeit auch dann nicht zu tragenvermöchte, wenn er es nicht auf dem Flugsande einer mythologischenMode errichtet hätte, und da er dabei überdies die Grenzen, die bei derBenützung einer Arbeitshypothese einzuhalten sind, weit überschrittenhat, müssen wir uns mit seinem Aufsatze einigermaßen beschäftigen.

Das ,, alte Märchen", das die Grundlage für die Sage von Alkestis undAdmetos abgegeben haben soll, würde nach Megas so aussehen: Nachlanger Kinderlosigkeit gebiert eine Königin ein Knäblein. In der siebentenNacht kommen die Moiren und teilen dem Kinde das Los zu, daß es anseinem Hochzeitstage sterben solle. Das hört im Nebenzimmer ein Diener,und als die Zeit der Heirat herankommt, geht er in die weite Welt, um dieMoiren zu suchen. An dem Ende der Welt findet er sie in einer Höhle; siebewirten ihn, und er schenkt ihnen aus einem mitgebrachten Schlauchedes öftern Wein ein. Als dann der Wein seine Wirkung bei ihnen getanhat, befragt er sie wegen des Schicksals seines jungen Herrn, und siesagen, er werde da nicht zu sterben brauchen, wenn an seiner Statt einanderer werde sterben wollen. Am Hochzeitstage kommt der Tod, um ihnoder den, der für ihn eintreten wolle, zu holen; Vater und Mutter weigernsich, aber die Braut folgt dem Tode. Die Herrin der Unterwelt hat Mitleid

1) Alkestis, der Mythus und das Drama( Wiener Sitzber., CCIII, 2), 1925.2) Die Sage von Alkestis im Archiv für Religionswissenschaft, XXX, 1933, 1-33.