ZUM ERSTEN WELTKRIEG IM SPIEGEL VON VOLKSKUNSTFORSCHUNG UND NATIONALISMUS
MUSTERUNGEN- TEXTILE VOLKSKUNST DER, RUTHENEN" GALIZIENS BIS
Kräftige Farben, klare geometrische Muster, feine Blumenmotive- sie springen sofort ins Auge, betrachtet man die Stickerei- undwenigen Perlbandarbeiten, die sich mit den InventarnummernÖMV/ 38.398 bis ÖMV/ 38.942 versehen in den Sammlungen desÖsterreichischen Museums für Volkskunde in Wien befinden. Auf-fällig ist auch, dass immer mehrere der Arbeiten auf weiße undgraue Kartons geklebt sind, obwohl das konservatorisch höchstbedenklich ist. Die insgesamt 169 Stickerei- Kartons sind mitden deutschsprachigen Bezeichnungen von Bezirken des ehe-maligen Kronlandes Galizien und der Bukowina in der Habs-burgermonarchie beschriftet. Im Inventarbuch des Museumsvon 1921 ist als einleitender Kommentar zu diesem Konvolutder Eintrag ,, Sammlung rutenischer Frauenarbeiten von derLiquidationsstelle für die Flüchtlingslager", also von Lagernim Ersten Weltkrieg, zu lesen. Die Ästhetik der Handarbeitenspricht die BetrachterInnen an und erzeugt eine Vertrautheit,die Informationen„ Ruthenen“,„ Galizien“ und„ Erster Weltkrieg"hingegen machen sie fremd, obwohl beide Aspekte ursächlichzusammenhängen. Denn dass wir heute diese Museumsobjekteals„ schön“ empfinden, dass es überhaupt Museumsobjektesind, ist nicht selbstverständlich, sondern ergibt sich aus einerEntwicklung, die erheblich mit dem Wesen der Moderne zutun hat, und für die Moderne sind eben auch der Zerfall desVielvölkerstaats, Nationalismen und Weltkriege kennzeichnend.Dem soll im Folgenden skizzenhaft nachgegangen werden.In den Jahren 1772 bis 1795 wurde Polen- Litauen unterÖsterreich, Preußen und Russland so aufgeteilt, dass das Ge-biet mit der Bezeichnung„ Galizien", die Bukowina sowiedie Gebiete um Auschwitz, Cholm, Krakau und Tarnopol andas Habsburgerreich fielen. Sie bildeten das„ KönigreichGalizien und Lodomerien, Großherzogtum Krakau, HerzogtumAuschwitz und Zator"; ab 1849 gab es, davon herausgelöst,zusätzlich ein selbstständiges Kronland„ Herzogtum Bukowina".1Die rund 3,5 Millionen BewohnerInnen Galiziens sprachen
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Wolfdieter Bihl: Die Ruthenen. In: Die Völker des Reiches, 1. Teilband
(= Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. 3). Wien 1980, S. 555-584, hier: S. 556 u. 558.
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