EINLEITUNG
rung und warme Kleidung erhielten, dass man sich aber auchsonst um sie kümmerte, ihnen Unterricht und eine Beschäfti-gung gab. In der Ausstellung wurden die Produkte gezeigt, diedie Flüchtlinge in den Lagern herstellten: Es handelte sich umhausindustrielle Erzeugnisse wie Strohschuhe, Puppen, Karrenoder eben die vorliegenden Handarbeitsmuster. Die Ausstellungunterschied sich in diesem Punkt nicht von den großen und klei-neren Präsentationen von Volkskunst und Hausindustrie des19. und frühen 20. Jahrhunderts. Das Pittoreske dieser Produktesollte die Unterschiede der Völker der Monarchie einebnen,verstärkte sie in Wirklichkeit aber. Ganz abgesehen davon, dassdie realen Lebensbedingungen in den Lagern grauenhaft warenund überhaupt nicht dem in der Ausstellung präsentierten Bildentsprachen. Die Lager waren hoffnungslos überbelegt, esgab zu wenig Nahrung und zu wenig warme Kleidung, auch zuwenig Strohsäcke, so dass die meisten Insassen auf der nacktenErde schlafen mussten. Seuchen grassierten und die Kinder-sterblichkeit war extrem hoch. Außerdem sollte die Internierungder so genannten Kulturmission dienen: Durch Disziplin undUnterrichtsmaßnahmen, z. B. Deutschunterricht, sollten die alsunzivilisiert und schmutzig eingestuften Flüchtlinge aus demOsten zu besseren Staatsbürgerinnen und patriotischen Öster-reicherlnnen bzw. Deutschen erzogen werden.
Die Beschäftigung mit den wunderschönen, großteils sehr feingearbeiteten Objekten des Konvoluts zeigt wieder einmal, dassdie so genannte Volkskultur bzw. die Volkskunst nie losgelöstvon gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden sollten.Sie sind nie einfach nur ästhetisch ansprechend oder schön,sondern immer hochpolitisch. Das zu zeigen, ist Ziel dieser Aus-stellung aus der Reihe„ Objekte im Fokus".
Kathrin Pallestrang