Die gelehrten Sklavinnen des Islams und ihre byzantinischen Vorbilder 371
tere Heilige aber widerlegt ihn nicht nur mit andern Zitaten aus den vonihm angeführten Schriften, sondern auch mit Berufungen auf Sophoklesund, nach einem ausnahmsweise nicht dunkeln Orakel, auf tòv apevεñ μáv-τιν Απόλλωνα und erläutert ihm die Grundwahrheiten des Christentums,denen auch Platon nicht widerspricht. Diesen Ausführungen weiß derSprecher der heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag heidnischen Gelehrten nichts entgegenzusetzen, und ebensowenig sind dies die neunundvierzig andern Rhetoren imstande; allesamtfühlen sie sich überwunden und bekennen sich zum Christentum, obwohlsie dafür sofort den Märtyrertod zu erleiden haben.1)
Wie man sieht, ist die Ähnlichkeit dieses Teils der Passio Aecaterinaemit dem Hauptteil der Ḥasaniya nicht zu verkennen: beide Mädchen sindleidenschaftliche Anhängerinnen ihres Glaubens, beide haben sich einnicht nur bei Frauen außergewöhnliches Wissen angeeignet, gegen beidewerden die bedeutendsten Gelehrten der andern Seite herausgestellt, beibeiden versagen diese allesamt in Gegenwart des Herrschers, dessenGlauben die Mädchen bekämpfen; die eine freilich, die Christin, wird hin-gerichtet, der andern, der šiitin, wird nur bedeutet, sie könnte, wenn sienicht flöhe, Unannehmlichkeiten haben. Sollen wir da auf Nebenumständeeingehen, wie daß die Griechin eine Aristokratin, die Araberin oder Per-serin aber eine Sklavin ist? Nun, der griechische Hagiograph wird schongewußt haben, warum er seine Heldin zu einer Dynastentochter gemachthat( bei dem Metaphrasten sagt Katerina gar zu Maxentius, sie sei dieTochter seines Vorgängers), und der šiitische Streiter wird wohl, Mal-colms Meinung in allen Ehren, gewußt haben, warum er nicht eine' Ali-din, etwa eine Tochter von Ğa'far aş- Şadiq, sondern eine in dem Hausedieses Imāms erzogene Sklavin, die natürlich viel mehr Gefahr lief, dieRolle der Kämpferin für die Familie und deren Bekenntnis hat spielenlassen. Abgesehen aber von allen andern Erwägungen ist die gebildeteSklavin ein Typus der islāmischen Kultur: anders als die frei geborenenMädchen, die den Freiern erst nach der Hochzeit zu Gesicht kamen,mußten die Sklavinnen den Kauflustigen nicht nur gezeigt werden, son-dern sich auch von ihnen über ihre Fähigkeiten befragen und wohl auchprüfen lassen.
Ein regelrechter Beweis freilich, daß die christliche Heilige das Vor-bild für Hasaniya oder für eine Vorgängerin gewesen ist, kann, wie es beisolchen Dingen selbstverständlich ist, nicht erbracht werden; die hoheWahrscheinlichkeit aber, daß die grundlegende Idee für die ši'itische Ge-schichte aus der christlichen stammt, kann nicht gut geleugnet werden,zumal da sich damit auch die zeitlichen Umstände durchaus in Einklangbringen lassen.2)
1) Patrologia graeca, CXVI, 279 f.
2) In dem Bulletin of the John Rylands Library Manchester, VII, 355 f. hat