Die gelehrten Sklavinnen des Islams und ihre byzantinischen Vorbilder 359
Werkchen heißt, hundert Bände in Syrien und Ägypten im Umlauf waren,eine viel größere Bedeutung als der des Chalifen, der in viele, viele Ge-schichten eingeführt worden ist, die ursprünglich von einem seinerVorgänger oder Nachfolger oder gar einem andern Fürsten erzählthaben.
Nach Malcolm, der bisher der einzige geblieben zu sein scheint, derNachrichten über das persische Büchlein veröffentlicht hat, sagt dessenAutor, es sei eine Übersetzung einer arabischen Handschrift, die er voneinem syrischen Saijid erhalten habe; Malcolm aber hält dafür, daß dasBüchlein, Ḥasaniya betitelt, persischen Ursprungs sei, und er sagt, eswerde einem šejch Abü'l- Futuwwa zugeschrieben. Von diesem Manne istnun ebensowenig bekannt, wie von den angeblichen Verfassern der Ge-schichten von Tawaddud und von Tudur, und um zu erheben, in welcherBeziehung diese zwei Geschichten zu der Hasaniya stehen, bleibt uns keinanderer Weg, als sie mit dieser zu vergleichen, soweit dies nach denspärlichen Angaben Malcolms möglich ist. Darnach ist der Inhalt derHasaniya so:
Ein Kaufmann in Bagdad, der durch Verfolgungen, die er um seinesGlaubens willen erlitten hat, verarmt ist, bittet seine Lieblingssklavin,deren Name zugleich der Titel des Werkchens ist, um Rat, was er tunsolle, um nicht durchaus zugrundezugehen. Die selbstverständlich wunder-schöne Ḥasaniya, die in dem Hause des Imāms Gā far aş- Şādiq erzogenworden ist, ¹) rät ihm, sie dem Chalifen Hārūn zum Preise von 100.000Goldstücken anzubieten; frage Hārūn, warum er einen so außerordentlichhohen Betrag fordere, so solle er ihn bitten, seine Theologen zu versam-meln sie werde sie allesamt widerlegen. Der Kaufmann geht zu demBarmekiden, der läßt sich die Sklavin vorstellen, und er ist so entzücktvon ihr, daß er sofort zu Hārūn eilt, um ihm zu berichten. Härün fragtden Kaufmann, ob er, wenn die Sklavin versagen sollte, einverstandenwäre, sie ihm umsonst zu überlassen und überdies seinen Kopf zu ver-lieren, und der Kaufmann erklärt, er sei dazu bereit. Dann fragt er dieSklavin, zu welchem Glauben sie sich bekenne, und sie antwortet: ,, Zu demGlauben an den Propheten und seine Abkömmlinge." Da Hārün weiterfragt, wen sie für den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten halte, for-dert sie ihn auf, seine Gelehrten zusammenzurufen: da werde sie sprechenund auf alle Einwände antworten. Daraus ersieht der Chalife, daß sieeine Anhängerin der ,, Familie"( des Propheten) ist, sich also zu der šī abekennt, und so befiehlt er dem Barmekiden, sie töten zu lassen. DerWesir aber meint, dazu wäre, wenn sie, was wahrscheinlich sei, unterliegen
1) Malcolm legt Wert auf die Feststellung, daß nicht gesagt wird, das Mädchensei von dem Imām selber erzogen worden, sondern in seiner Familie, und das ist auschronologischen Gründen wichtig: der Imām ist 765 gestorben, und erst 786 ist Hārūnzur Regierung gelangt.