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Der säugende Finger
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10.009 SA 5:10

Gonderdruck

Sudetendeutsche Zeitschrift für Volkskunde

Prag XII. Bocelova 10

1. Jahrgang

Prag 1928

1. Heft

Der säugende Finger

Von Albert Wesselski

Unter den vielen Varianten, die es zu dem Märchen von dem Dorn-röschen gibt, weichen zwei durch ihr Alter ehrwürdige in dem Gange derHandlung wesentlich von dem Typus ab. Die Einleitung ist die gleichewie sonst: die Prinzessin sticht sich, kraft einer Verwünschung, eine Flachs-gräte in den Finger und fällt in den Zauberschlaf; Entwicklung undLösung aber des Märchens gehen eigene Wege. In beiden Fassungenwohnt der Schlafenden ein Jüngling bei, ohne daß sie erwachte, und siewird von ihm schwanger. In der einen Erzählung, die in dem im vier-zehnten Jahrhundert verfaßten Roman Perceforest steht, beginnt derKnabe, den sie nach neun Monaten, noch immer schlafend, gebiert, anihrem Finger zu saugen und holt so die Gräte heraus, und sie erwacht;in dem Märchen Giambattista Basiles hingegen, das erstmalig 1636gedruckt worden ist, sind es Zwillinge, die, als sie einmal die Mutterbrust,an die sie von Feen gelegt worden sind, nicht finden können, die Fingerfassen und daran saugen, bis durch die Entfernung der Gräten der Zauber-schlaf endet. Natürlich gibt es auch, bei der ungeheuern Verbreitung vonBafiles Werk, volkstümliche Formen des Märchens( s. J. Bolte- G. Polívka,Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm,I, Leipzig, 1913, 436f., 438), und eine Nebenform ist bis in die türkischenLänder gelangt, wo sie in die Sammlung Billur- Köscht Aufnahmegefunden hat( Menzel, Türkische Märchen, I, Hannover, 1923, 78f.): Alsder Truhendeckel aufgehoben worden ist, sieht man darin ein Mädchenliegen, schön wie der Vollmond, und neben ihr ein wunderschönes, gold-lockiges Kind, das ihr anstatt an der Brust an dem Finger saugt.

Diese Substituierung der säugenden Bruſt durch den säugendenFinger ist nun ein uraltes Motiv, wenn nicht des Märchens, so doch derLegende oder der Sage, das natürlich nur dann statthaben kann, wennder Mutter die Erfüllung ihrer selbstverständlichen Funktion unmöglich

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