LEANDER PETZOLDT, INNSBRUCK
Magie und Religion*
Das Phänomen ist so alt wie die Menschheit, und die Praxis hat den Men-schen bis in die Moderne begleitet. Es scheint sogar, als seien magischesDenken, okkultistische Betätigung, religiöses Sektierertum in zunehmen-dem Maße zu den kulturellen Kennzeichen unserer modernen Welt ge-worden. Die Übergänge sind fließend. Eine sozialpsychologische Untersu-chung stellt sich die Frage, ob„ das Zunehmen irrationaler Verhaltenswei-sen durch äußere Faktoren der gegenwärtigen sozialen Situation bedingtist", und beantwortet sie in dem Sinne, daß in der Massengesellschaftder Zerfall und Wandel von Normen und Institutionen, das Schwinden vonAutorität, die begrenzten Möglichkeiten des einzelnen auf bestimmte Ent-wicklungen Einfluß zu nehmen, sowie die zunehmende Bedeutungslosigkeitder Religionsgemeinschaften zu einer„ Steigerung der individuellen Verun-sicherung" führe.2 Dieses Vakuum an Sicherheit und Geborgenheit kannnur auf dem Wege der psychischen Anpassung, d.h. in diesem Falle durchdas Mittel der Projektion, ausgefüllt werden. Die psychische Projektionals Abwehrmechanismus besteht in einer Umbewertung der Wirklichkeitunter dem Druck unbefriedigter Bedürfnisse. Magische Verhaltensweisen( im weitesten Sinne) ermöglichen nun dem Individuum Ängste und psy-chische Spannungen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Diese latenteFunktion magischen Verhaltens hat bereits Malinowski erkannt.
Auf diese Weise läßt sich, wenigstens teilweise, die besondere Sen-sibilität oder sogar Anfälligkeit des modernen Menschen für magische
* Der vorliegende Beitrag ist, wie der kürzlich erschienene Tagungsband ,, Peter Din-zelbacher, Dieter R. Bauer( Hrsg.): Volksreligion im hohen und späten Mittelalter.Paderborn 1990" zeigt, mit dem vom Autor 1985 bei der Tagung„ Glaube undAberglaube, Aspekte der Volksfrömmigkeit im hohen und späten Mittelalter" inWeingarten vorgetragenen Referat identisch( Anm. d. Herausgeber).
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Beatrice Elsbeth Angst, Magische Praktiken des Menschen in unserer Zeit in ih-rer sozialpsychologischen und psychodynamischen Bedeutung, Bern/ Frankfurt 1972,S. 135.
² Ebda., S. 137f.