KARL R. WERNHART, WIEN
Überlegungen zur Volksfrömmigkeit
in außereuropäischen nichtindustriellen Gesellschaften
Überlegungen zur Volksfrömmigkeit bei außereuropäischen nichtindustri-ellen Gesellschaften und bei solchen, die sich im Übergang zu Industrie-gesellschaften befinden, also in einer Schwellensituation, können aufgrundder sehr komplexen Thematik nur Gedankensplitter bleiben; daher sindfolgende Ausführungen auch nur als solche einzuordnen.
Je tiefer man sich als Kulturanthropologe oder Ethnologe mit der Glau-benswelt, dem religiösen Empfinden, der Autochthonen oder eines be-stimmten Ethnos beschäftigt, desto mehr erkennt man die Fülle und Va-riationsbreite der religiösen Manifestationen, die von den Bevölkerungs-gruppen vertreten, artikuliert und als ihr spezifisches religiöses Weltbildverstanden werden. Diese Vorstellungen sind durch die von den Gruppenbzw. dem Ethnos selbst gegebenen Werte bestimmt, die dann in Normenoder gar in Gesetzesform festgelegt werden oder dogmatisch überhöht zuGlaubensparadigmen emporsteigen.
Die Ethnologie hat sich im Verlauf ihrer Wissenschafts- und Theorie-geschichte eher mit Ursprungsfragen befaßt, wie z.B. in der Animismus-theorie oder bei der Thematik des Urmonotheismus( vgl. Thiel 1983 und1984), und oft die realen, in Zeit und Raum festgelegten Glaubensmani-festationen, die mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Komponentenin Verbindung stehen, außer acht gelassen oder diese, wenn überhaupt,nur zur Aufbereitung und Unterstützung der Theorien herangezogen.Gegenwärtig zeichnen sich zwei große Gruppen von Forschungsansätzenin der Religionsethnologie ab:
a) Die eine, die nach Grundstrukturen oder-parametern religiösenVerhaltens forscht, und
b) die andere, die an konkreten, historisch festgelegten Glaubensma-nifestationen interessiert ist und besonders auch den Dialog zwi-schen kanonisierten Hochreligionen und dem religiösen Basisver-halten von Gruppen und Ethnien analysiert.
Diese beiden thematischen Schwerpunktsetzungen schließen einander abernicht aus.