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Volksfrömmigkeit : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz
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251
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ZSUZSANNA ERDÉLYI, BUDAPEST

Die Rolle der Oralität in Ungarn in bezug auf dieliteraturgeschichtliche Erforschung des Spätmittelalters.Archaische Gattungen der sakralen Volksdichtung

Bei der Erschließung der historischen Schichten der religiösen Volkstradi-tion, hauptsächlich der archaischen Volksgebete in Ungarn, wurde es klar,daß die Oralität, d.h. die orale Volkskultur, mehr Elemente der mittelal-terlichen religiösen volkstümlichen Gattungen als die schriftlichen Quellenbewahrt hat, da die Zahl der letzteren durch die blutigen Geschehnissedes Landes sehr gering ist. Dadurch bringen uns die archaischen Volks-gebete die sakralen Gattungen des Spätmittelalters nahe. Und was eben-falls sehr wichtig ist: sie stellen die Beziehungen zwischen Volksdichtung,d.h. primärer Oralität, und nichtschriftlicher Dichtung, d.h. sekundärerOralität, in ein neues Licht. Die Volksüberlieferung betont damit den in-formativen Wert der Oralität, die Quellenfunktion der Tradition und ihrekulturgeschichtliche Bedeutung.

Über diesen informativen Wert der oralen Kultur will ich im weiterensprechen und Sie fragen, ob alles, was ich Ihnen vorführe, auch für IhreVolkskultur gültig sein kann oder nicht. Anders gefragt: hat auch Ihre sa-krale Volksdichtung eine solche informative Fähigkeit wie die ungarische;wenn ja, kann diese Fähigkeit auch literaturgeschichtlich genutzt werden?Damit lenke ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Gattung der archaischenVolksgebete. Während meiner komparatistischen Forschungen hat michdie Tatsache negativ beeinflußt, daß die übrige europäische Fachlitera-tur keine solchen Volksgebetsanthologien hat wie die ungarische, die pol-nische oder die slowenische.¹ Der Mangel an solchen Anthologien oderSammlungen hat meine Arbeit sehr erschwert. Ich mußte die Texte sogar,, zusammenfächeln", was viel Zeit in Anspruch nahm. Selten habe ich inder Fachliteratur eine gattungsgemäße Analyse gefunden, und wenn, nur

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Zs. Erdélyi: Hegyet hágék, lötőt lépék. Archaische Volksgebete. Kaposvár 1974.Budapest 1976, 1978; F. Kotula: Znaki przeszłości. Warszawa 1976; V. Novak:Slovenske ljudske molitve. Ljubljana 1983.