REIMUND KVIDELAND UND KARIN KVIDELAND, BERGEN
Christliches Erzählen in norwegischen Erweckungsbewegungen
Die Erzählforschung hat sich hauptsächlich mit einer kleinen Zahl vonGenres beschäftigt. Bei dieser Arbeit hat sie meistens eine textanalytischePerspektive angelegt. Wenn Folkloristen ein weiteres Spektrum traditio-neller Erzählungen erforscht haben, haben sie allzu häufig diese Genresals marginal angesehen. Wollen wir die Rolle verstehen, die traditionelleErzählungen früher gespielt haben und heute in unserer Gesellschaft spie-len, müssen wir unser hierarchisches Genreverständnis aufgeben.
Wir stellen hiermit eine Auswahl von Erzählungen vor, die von skan-dinavischen Sammlern und Forschern bisher kaum beachtet worden sind.Es handelt sich dabei um ein Projekt, das wir vor kurzem begonnen ha-ben, eine Untersuchung christlicher Memorate und Sagen. Wir begegnendiesem Erzählstoff in von Volksfrömmigkeit geprägten kirchlichen Kreisenund Laienbewegungen.
Man hat dieses Material weitgehend als nicht- traditionell verstanden,und deshalb ist in unseren Archiven kaum etwas davon zu finden. Wo wäredann nach derartigem Material zu suchen? Solche Erzählungen kommen ingroßer Zahl in der populären erbaulichen Literatur, z.B. religiösen Roma-nen und Kinderbüchern sowie Sammelausgaben vor. Wir haben zwei der-artige Sammlungen benutzt.( Sæter 1957, Ludviksen 1965). Arne SætersSammlung steht theologisch der norwegischen lutherischen Staatskirchenahe. In seinem Vorwort schreibt Sæters, daß die Geschichten wirklicheBegebenheiten widerspiegelten. So weit wie möglich sind sie so wieder-gegeben, wie sie sich ereignet hätten. Einige der Erzähler wollten nichtnamentlich genannt sein, aber ihre Zeugnisse sind ebenso zuverlässig wiedie anderer, schreibt Sæter. Die zweite Sammlung wurde von Johs. Lud-viksen herausgegeben. Seine Berichte sind vom theologischen Gedanken-gut der norwegischen Pfingstgemeinde geprägt. Auch Ludviksen hebt inseinem Vorwort hervor, daß er entweder persönliche Erfahrungen oder dieErfahrungen von Freunden nacherzählt.
Biographien und Autobiographien stellen eine weitere Quellenkategoriedar, die den Vorteil hat, den Erzählstoff direkt in der sozio- kulturellenKontinuität ansiedeln zu können.