HERBERT NIKITSCH, WIEN
Schreiben und Glauben.
Anliegenbücher als Beispiel moderner Volksreligiosität
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Ich möchte in diesem Rahmen etwas über eine, zumindest im WienerRaum, auf den ich mich beschränke¹, recht seltene Erscheinung der Volks-frömmigkeit berichten. Wieweit das Behandelte tatsächlich ein Beispielfür dieses weite Feld, das hier auf dieser Tagung begangen wird, abgebenkann, sei gleich eingangs dahingestellt. Vielleicht sollte hinter dem Titelbesser ein Fragezeichen stehen. Die Antwort würde dann wohl von derEinstellung abhängen, mit der man sich einer„, Volkskunde des Religiösen"nähert.
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Schon vor einigen Jahren ist mir in der Kirche zum Heiligen Ägyd, Zen-trum eines im sechsten Wiener Gemeindebezirk gelegenen Pfarrsprengels,ein Heft im A4- Format aufgefallen, das hier, mit der Aufschrift„ Fürbit-tenbuch der Pfarre Gumpendorf", in der Nähe des Eingangs auf einemSchreibpult aufgeschlagen für die Besucher des Gotteshauses bereit liegt,damit diese ihre Sorgen, Nöte und Anliegen eintragen und so der Berück-sichtigung im gottesdienstlichen„, Allgemeinen Gebet" und damit einer nu-minosen Hilfsmacht anheimstellen mögen. Auf solche Art Schriftverkehrmit dem Himmel² zu stoßen, würde vielleicht an einer Wallfahrtsstättenicht verwundern; dort macht das Außergewöhnliche der religiösen Praxis,jenes vom alltäglichen Lebensfluß schon rein zeitlich abgehobene frommeHandeln, einen schriftlichen Zugang und Umweg zur Transzendenz, zu-gleich allenfalls der Verewigung eines touristischen Unternehmens dien-end, in funktioneller und psychologischer Hinsicht verständlich. In einer
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Eine weitere Einschränkung liegt in meiner ausschließlichen Berücksichtigung ka-tholischer Kirchen. Nach freundlicher Mitteilung des Wiener Superintendenten sindauch im evangelischen Rahmen Anliegenbücher bekannt, jedoch wohl ebenso seltenwie im katholischen Bereich.
2 Um Walter Heim zu zitieren, der sich als einer von wenigen ausführlich mit schrift-lichen Devotionalien beschäftigt hat; vgl. Briefe zum Himmel. Die Grabbriefe anMutter M. Theresia Scherer in Ingenbohl(= Schriften der Schweizerischen Gesell-schaft für Volkskunde, Bd. 40), Basel 1961.