HELGA MARIA WOLF, WIEN
Zur Wiener„ Volksfrömmigkeit" in den achtziger Jahren
Wie ein Blick in die Geschichte zeigt, pflegte die kirchliche Hierarchie aufKrisen mit Restauration zu antworten und sich, statt sich Herausforde-rungen kreativ zu stellen, auf die Tradition zurückzuziehen. Dazu gehörtimmer eine Forcierung der„ Volksfrömmigkeit“: Der Strenge der Refor-mation setzten katholische
geistliche und weltliche- Obrigkeiten dieMacht der Gegenreformation und die Pracht des Barock entgegen. Aus-gangspunkt waren nicht zuletzt jene Formen( popularer) Religiosität, diedie Reformation provoziert hatten( Stichwort: Heiligenverehrung). Die Re-aktion darauf war der Josephinismus. In den zehn Regierungsjahren Kai-ser Josephs II. verging kein Monat ohne Reformen im kirchlichen Bereich,doch gewann die Romantik Oberhand über die Aufklärung. Die Furchtvor dem Sinnlichen führte zur Flucht ins Über- Sinnliche.
Das Zweite Vatikanische Konzil, ein Aufbruch der Weltkirche in einerauch weltlichen Aufbruchszeit der sechziger Jahre, war für die„, Volksfröm-migkeit" in Österreich von ähnlich einschneidender Bedeutung wie diejosephinischen Reformen( Stichworte: Bewußte und tätige Teilnahme derGläubigen an der Liturgie, Vereinfachung der Riten, liturgisch bedingteUmbauten, Reform des Heiligenkalenders, Neubesinnung auf die Bibel,Aufwertung der Laien...).
Die erste Zeit nach dem Zweiten Vatikanum war eine Zeit der Öff-nung, des Experimentierens, mit Mut zum Risiko. Einiges hat sich schonnach wenigen Jahren überlebt oder in katholische Subkulturen zurückge-zogen, anderes wurde kaum rezipiert. Jetzt fordert ein von den Medien alsWendebischof" bezeichneter Geistlicher bereits ein Drittes Vatikanum,ein anderer verteufelt die Kreativität.„ Freiheitsverliebte und Lebenszu-gewandte"( P. M. Zulehner) fürchten kirchenamtliche Rückschritte.
Die nachkonziliare Trendwende samt Wiederentdeckung der„ Volks-frömmigkeit" zeichnet sich schon seit Jahren ab. So berichtete die ka-tholische Presseagentur( ,, Kathpress") am 9.9.1982:
„ Um eine Neubelebung religiöser Bräuche, Zeichen und Symbolewill sich die katholische Aktion der Diözese Linz in den kom-menden Jahren bemühen.(...) Neben der Feier des Osterfestes