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Volksfrömmigkeit : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz
Entstehung
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117
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REINER SÖRRIES, ERLANGEN

Die spätmittelalterliche Frömmigkeit

im Spiegel der alpenländischen Fastentücher

Wenn ich im Rahmen dieser Tagung zur Frage der spätmittelalterlichenFrömmigkeit Stellung nehme und mich dabei auf den Gegenstand, Fa-stentücher' stütze, so vertrete ich damit nicht die Meinung, es hätte sichim Bildprogramm der Fastentücher eine eigene, nur auf diese Gattungbezogene oder unmittelbar aus der passionszeitlichen Stimmung ableit-bare Frömmigkeit niedergeschlagen. Aus der unmittelbaren Verwandt-schaft zur gleichzeitigen kirchlichen Wandmalerei ergibt sich vielmehr, daßdas den Fastentüchern zugrundeliegende religiöse Bewußtsein die gängigeund weitverbreitete Frömmigkeit des spätmittelalterlichen Menschen wi-derspiegelt.

Daß ich zur Erhellung der spätmittelalterlichen Frömmigkeit Fastentü-cher heranziehe, liegt vielmehr in der Geschlossenheit und Überschaubar-keit dieser Denkmälergruppe, mit der ich mich in einer ausführlichen Mo-nographie beschäftigt habe.¹ Die Fastentücher befinden sich in leidlichemZustand, und ihr Bildprogramm ist exakt definierbar. Fastentücher sindaus mehreren, in Webstuhlbreite gefertigten Leinwandbahnen zu großenBildflächen zusammengesetzt und besitzen ikonographisch erkennbar An-fang und Ende, sodaß der Bilderzyklus in einem klar gegliederten, schach-brettartigen Bildraster der Leserichtung folgt und Unklarheiten über dieSzenenfolge gar nicht auftreten.²

Um aus diesen Fastentüchern Anhaltspunkte für die Frömmigkeit her-auszulesen, bedarf es somit nur der Prämisse, daß Bildprogramme über-haupt für diese Fragestellung herangezogen werden dürfen, eine Prämisse,

1 R. Sörries, Die alpenländischen Fastentücher, Klagenfurt 1988.

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Man könnte eine ähnliche Untersuchung mit einem gleichbleibenden Ergebnis auchan der mittelalterlichen Wandmalerei durchführen. Die Befunde sind in dieser Gat-tung aufgrund der bekannten, erhaltungsbedingten Beeinträchtigungen jedoch nichtganz so leicht zu gewinnen, denn es gibt nicht sehr viele vollständig erhaltene Bild-programme. Doch besitzt gerade der Alpenraum zahlreiche fast vollständige Zyklen.Man vergleiche etwa Alfons Raimann, Gotische Wandmalerei in Graubünden, Di-sentis 1983.