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Volksfrömmigkeit : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz
Entstehung
Seite
75
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FREDDY RAPHAËL UND GENEVIÈVE HERBERICH- MARX,

STRASSBOURG

Volksfrömmigkeitsforschung in Frankreich.Zur Revision eines Ansatzes*

1. VOLKSKULTUR UND WISSENSCHAFTLICHE KULTUR:EINE WECHSELWIRKUNG

Das Vorurteil, die Volksmassen seien passiv und verschanzten sich hintereiner ausschließlich konservativen und statischen Haltung, müssen wir einfür allemal aufgeben.

Die Volksfrömmigkeit ist keine starre und rückständige Rea-lität, deren harter Kern eine dem Paganismus entsprungene undim ländlichen Raum erhaltene, andere Religion' wäre: zumindestnicht ausschließlich. Sie integriert alle Formen der Assimilationoder der Verschmelzung, und vor allem das Volksverständnis despost- tridentinischen Christentums."( M. Vovelle)

Betrachtet man die Entwicklung der europäischen Kultur im Mittelalter,von der Renaissance zur Reformation, so ist man über die offensichtli-che Verlagerung der Glaubensmeinungen und-handlungen des Volkes zuden höher gestellten Gesellschaftsschichten erstaunt. Diese Tendenz ver-bindet sich mit dem Interventions- und Manipulationsprozeß von seitender Kirche auf dem Gebiet der verschiedenen Ausdrucksweisen der Volks-religiosität, sodaß ein zweiseitiger kultureller Austausch entsteht¹. Diesich im 16. und 17. Jahrhundert verbreitende doloristische Auffassungschwingt das Schwert der ewigen Verdammnis, um die Volksschichten ,, inihrem Innersten zu bekehren." Aber hinter der vordergründigen Einstim-migkeit und Homogenität verbirgt sich eine komplexe Realität: die post-tridentinische Kirche mußte Kompromisse hinnehmen, während sie sich

* Übersetzung des ersten Teiles von: Freddy Raphaël und Geneviève Herberich- Marx,La religion populaire en Alsace. In: Annales de l'Est, 2/1987, S. 91ff.( Die Zitierweisewurde weitestgehend vom Original übernommen.)

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V. Lanternari, La religion populaire. In: Archives des Sciences sociales des religions,1982, Bd. 53/1, S. 121-143.